Alfred Grenander prägte wie kaum ein Architekt das Erscheinungsbild Berlins. Seit 1902 entwarf er zahlreiche Stationen der Berliner U-Bahn und entwickelte ein einheitliches Gestaltungskonzept für das neue Verkehrssystem. Gleichzeitig schuf er Industrie- und Verwaltungsbauten.

Das „Grenanderhaus“ an der Rosa-Luxemburg-Straße entstand als Verwaltungsbau für die Berliner Verkehrsbetriebe. / © Foto: Wikimedia Commons, Gunnar Klack, CC BY-SA 4.0
© Titelbild: Wikimedia Commons, GillyBerlin, CC BY 2.0
Berlin um 1900: Die Stadt wächst rasant, Straßen und Plätze füllen sich mit Leben – und mittendrin ein junger Architekt aus Stockholm. Alfred Grenander, geboren 1863, begann sein Architekturstudium in seiner Heimatstadt und setzte es ab 1885 an der Technischen Hochschule Charlottenburg fort. In der dynamischen Metropole legte er die Grundlagen für eine Architektur, die Berlin für Jahrzehnte prägen sollte.
Neben seiner Tätigkeit als Architekt engagierte er sich früh in der Lehre. Ab 1898 unterrichtete er an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin. 1901 berief man ihn zum Professor. Später lehrte er an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin-Charlottenburg.
Aufbau der Berliner Hoch- und Untergrundbahn ab 1902: Architektur für ein neues Verkehrssystem in der wachsenden Metropolregion

Der 1911 bis 1913 neu errichtete U-Bahnhof Wittenbergplatz gilt als Grenanders Hauptwerk. Das repräsentative Empfangsgebäude mit klassizistischen Anklängen verbindet monumentale Wirkung mit funktionaler Klarheit. / © Foto: Wikimedia Commons, Jochen Teufel, CC BY-SA 3.0
Mit der Eröffnung der Berliner Hoch- und Untergrundbahn im Jahr 1902 begann ein neues Kapitel städtischer Mobilität. Die Hochbahngesellschaft gewann Grenander früh als Architekten, sodass er das Erscheinungsbild der Stationen von Beginn an mitgestaltete. Zwischen 1902 und 1931 entwarf er rund 70 Bahnhöfe, in anderen Zusammenhängen ist sogar von über 80 Stationen der S- und U-Bahn die Rede.
Er entwickelte dabei kein Nebeneinander einzelner Lösungen, sondern ein durchdachtes Gesamtkonzept. Viele der von ihm gestalteten Stationen blieben bis heute erhalten. Zudem wirkte er an der Gestaltung von U-Bahn-Wagen mit.
Stilentwicklung zwischen Jugendstil und sachlicher Moderne: Materialien, Konstruktion und Farbe

Großformatige, farbig gebrannte Fliesen prägen die Bahnsteige, während auf der U6 verputzte Wandflächen die Sparmaßnahmen der Nachkriegszeit widerspiegeln. / © Foto: Wikimedia Commons, Gunnar Klack, CC BY-SA 4.0
In seinen frühen Arbeiten orientierte sich Grenander am Jugendstil, was sich in dekorativen Details und geschwungenen Formen zeigte. Gleichzeitig griff er neoklassizistische Motive auf, insbesondere bei repräsentativen Anlagen. Mit dem Fortschreiten der Bauaufgaben und unter dem Eindruck wirtschaftlicher Zwänge veränderte er jedoch seine Formensprache.
Nach dem Ersten Weltkrieg reduzierte er den ornamentalen Aufwand deutlich. Ab Mitte der 1920er-Jahre entwickelte er eine sachliche, klare Architektur mit großformatigen, farbig gebrannten Wandfliesen und sichtbar belassenen, genieteten Stahlstützen. Hinzu kam das von ihm eingeführte Kennfarben-Prinzip, bei dem jede Station eine eigene Farbe erhielt, sodass sich Fahrgäste leichter orientieren konnten.
Bahnhöfe als urbane Räume in Berlin: Wittenbergplatz, Alexanderplatz und Hermannplatz

Der in mehreren Bauphasen realisierte Bahnhof am Alexanderplatz entwickelte sich zu einem „Verkehrstheater“ mit komplexen Sichtbeziehungen und verschachtelten Ebenen. / © Foto: Wikimedia Commons, Marco van Oel, CC BY-SA 4.0
Zu seinen bedeutendsten Arbeiten zählt der U-Bahnhof Wittenbergplatz, dessen Neubau zwischen 1911 und 1913 entstand. Dort verband Grenander funktionale Anforderungen mit einer repräsentativen Eingangssituation. Auch den heutigen Alexanderplatz plante teilweise Grenander.
Zeitgenössische Beschreibungen charakterisierten die Anlage am Alexanderplatz als „lebhaftes Verkehrstheater“ mit verschachtelten Treppen, Räumen und Sichtbeziehungen. Am Hermannplatz schuf Grenander in den 1920er-Jahren einen weiteren wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Diese Bahnhöfe zeigen, wie er technische Infrastruktur als gestalteten Stadtraum verstand.
Industrie- und Verwaltungsbauten in Moabit, Mitte und Kreuzberg: Funktionale Architektur mit städtischer Präsenz

Für die Maschinenfabrik Ludwig Loewe & Co. A.-G. entwarf Grenander mehrere Verwaltungs- und Fabrikgebäude. Die kraftvolle Backsteinarchitektur verbindet industrielle Funktion mit repräsentativem Anspruch. / © Foto: Wikimedia Commons, Bodo Kubrak, CC0
Neben den Verkehrsbauten entwarf Grenander auch Industrie- und Verwaltungsgebäude Wohnhäuser und Möbel. Zum Beispiel für die Maschinenfabrik Ludwig Loewe & Co. A-G. in Moabit ein Neubau für die Hauptverwaltung. Später folgte ein weiterer Bau für die Fräs- und Bohrmaschinenfabrik. Der Komplex ist heute als „Ludwig-Loewe-Höfe“ bekannt. Zwischen 1910 und 1913 realisierte er zudem das Fabrikgebäude in der Schlesischen Straße 26 in Kreuzberg. Das Backsteingebäude bildet bis heute das Herzstück der Schellack-Höfe am Spreeufer.
Damit hinterließ Alfred Grenander ein durchdachtes, bis heute prägendes Stadtbild, in dem Funktionalität, Ästhetik und Orientierungshilfen zu einem einheitlichen Konzept verschmelzen. Seine U-Bahnhöfe und Industriebauten zeigen, wie Architektur technische Infrastruktur und städtische Präsenz zugleich gestalten kann.
Quellen: Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, Berliner U-Bahn-Archiv, Kulturstiftung des Bundes, Tip Berlin, Wikipedia
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