Der Reichstag war jahrzehntelang Ruine, Denkmal und Projektionsfläche zugleich – mitten im geteilten Berlin. Seine Geschichte zwischen 1945 und 1990 erzählt von Leere, Wandel und der leisen Vorbereitung auf die große Rückkehr. Denn Helmut Kohl beauftragte schon 1985 den renommierten Architekten Gottfried Böhm mit einem Gutachten zur zukünftigen Nutzung. Dessen Ergebnisse beeinflussten den späteren Wettbewerb maßgeblich.

Sommer 1974: Vor dem Berliner Reichstagsgebäude wird eine gut besuchte Oldtimer-Ausstellung durchgeführt. / © Foto: IMAGO / Gerhard Leber

© Foto Titelbild: IMAGO / Günter Schneider

 

ANZEIGE

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war das Reichstagsgebäude schwer beschädigt. Die Kämpfe um das Berliner Regierungsviertel hatten tiefe Spuren hinterlassen, der Plenarsaal war ausgebrannt, die Kuppel einsturzgefährdet. Nachdem sowjetische Truppen das Gebäude eingenommen und die Rote Fahne auf dem Dach gehisst hatten, geriet der Bau ins Niemandsland zwischen den Sektoren der geteilten Stadt.

In den folgenden Jahrzehnten sollte der Reichstag ein Ort des politischen Stillstands, aber zugleich auch ein Raum für symbolische und kulturelle Aufladungen werden. Er wurde gesichert, modernisiert, entkernt – und immer wieder neu interpretiert.

Vom Trümmerfeld zum Funktionsbau: Der Reichstag im Nachkriegs-Berlin

Nach dem Kriegsende 1945 lag das Berliner Reichstagsgebäude inmitten einer Trümmerlandschaft. Die umgebenden Flächen wurden von der Not leidenden Bevölkerung für den Anbau von Kartoffeln und Gemüse genutzt, während das Gebäude  weitgehend sich selbst überlassen blieb. Erst 1954 wurde die beschädigte Kuppel – einst ein technisches Meisterwerk – gesprengt, offiziell wegen statischer Bedenken.

ANZEIGE

Ein Wiederaufbau wurde erst ab Mitte der 1950er-Jahre geplant. Paul Baumgarten, ein Vertreter der konservativen Moderne, erhielt 1961 den Auftrag für die Sanierung. Sein Umbau, der bis 1973 andauerte, verzichtete bewusst auf historisierende Elemente. Zahlreiche dekorative Fassadenbestandteile wurden entfernt, die Ecktürme reduziert, das Innere weitgehend neu strukturiert. Baumgarten schuf einen funktionalen Bau, der sich deutlich von der Architektur des Kaiserreichs abgrenzte – Ausdruck des damaligen demokratischen Selbstverständnisses.

Das Reichstagsgebäude zwischen Mauerbau und Mauerfall: Dornröschenschlaf und Ausstellungsraum

Während der deutschen Teilung lag der Reichstag im britischen Sektor West-Berlins, unmittelbar an der Grenze zur DDR. Die Berliner Mauer verlief direkt entlang der Ostseite. Die Nutzung des Gebäudes war durch das Viermächteabkommen beschränkt: Plenarsitzungen des Bundestags waren nicht erlaubt, Fraktions- und Ausschusssitzungen hingegen schon.

Das Gebäude wurde zu einem historischen Informationszentrum: Die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“ in der Wandelhalle des Reichstags von 1971 bis 1994 machte den Reichstag zu einem der meistbesuchten Orte West-Berlins. Für internationale Gäste galt der Blick von der Terrasse auf die Mauer als fester Bestandteil eines Hauptstadtbesuchs.

ANZEIGE

Der Platz vor dem Reichstag in den 1980er Jahren: Konzertwiese, Kundgebungsort, Symbolraum

In den 1980er-Jahren kam eine neue Dimension hinzu. Die Freifläche vor dem Reichstagsgebäude entwickelte sich zu einem kulturellen Treffpunkt. Sie wurde als Konzert- und Veranstaltungswiese genutzt. Internationale Musiker wie David Bowie, Michael Jackson oder Barclay James Harvest traten hier auf – ihre Stimmen hallten symbolträchtig bis in den Osten Berlins.

Dabei waren diese Konzerte mehr als bloße Unterhaltung – sie wurden zu politischen Gesten, zu musikalischen Botschaften über die Mauer hinweg. Gleichzeitig war die Wiese ein Ort für Fußballspiele, Demonstrationen und spontane Versammlungen – ein öffentliches Forum im Schatten eines symbolträchtigen Bauwerks.

Dezember 1985: Das eingeschneite Reichstagsgebäude, knapp vier Jahre vor dem Mauerfall. / © Foto: IMAGO / Günter Schneider

Planungen für die Zukunft des Reichstags: Zwischen Geschichte und futuristischen Visionen

Noch vor dem politischen Umbruch in Deutschland zeichnete sich ab, dass das Berliner Reichstagsgebäude im Falle einer Wiedervereinigung eine zentrale Rolle einnehmen würde. Um vorbereitet zu sein, beauftragte Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1985 den renommierten Architekten Gottfried Böhm mit einem Gutachten zur künftigen Nutzung.

Böhm, bekannt für seine expressiven Bauten mit skulpturaler Wirkung, entwickelte mehrere Varianten, darunter eine begehbare Glaskuppel über dem Plenarsaal. Seine Vision verband historische Reminiszenz mit zeitgenössischem Ausdruck: Die neue Kuppel sollte nicht nur ein architektonisches Highlight sein, sondern auch ein Zeichen für Offenheit und bürgernahe Demokratie setzen.

Böhms Konzept wurde zunächst vertraulich behandelt, beeinflusste jedoch maßgeblich die spätere Wettbewerbsausschreibung nach der Wiedervereinigung und bereitete den Boden für Norman Fosters Neubauentwurf, der ursprünglich eine gänzlich andere Form hatte, dann aber noch einmal nach Böhms Maßgaben überarbeitet werden musste.

Das Berliner Reichstagsgebäude: Wiederentdeckung und Aufbruch

Die deutsche Wiedervereinigung im Herbst 1990 veränderte auch die Rolle des Reichstagsgebäudes grundlegend. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 begann ein neues Kapitel. Nur einen Tag nach dem formalen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland fand am 4. Oktober 1990 im alten Plenarsaal des Reichstags die erste Sitzung des Gesamtdeutschen Bundestags statt.

Die Sitzung markierte nicht nur die Rückkehr des Bundestags nach Berlin, sondern auch die Rückkehr des Reichstags in das Zentrum politischer Verantwortung. Für viele galt dies als die endgültige Rehabilitierung eines Ortes, der jahrzehntelang als Relikt der Geschichte betrachtet worden war. Dieser Aufbruch wurde auch architektonisch eingelöst – mit dem internationalen Wettbewerb für den Umbau des Gebäudes, den 1993 Norman Foster für sich entscheiden konnte.

1987: Fans warten auf ein Konzert von David Bowie, welches vor dem historischen Reichstagsgebäude durchgeführt wurde – und auch viele Ost-Berliner Musikfans erfreute. / © Foto: IMAGO / Peter Homann

Beginnender Dornröschenschlaf: Das Reichstagsgebäude auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1964. / © Foto: IMAGO

1968: Der wieder aufgebaute und restaurierte Reichstag am Spreebogen, im heutigen Regierungsviertel gelegen. / © Foto: IMAGO

1. Juni 1985: Vollbesetztes Plenum im Berliner Reichstagsgebäude im Rahmen einer Festveranstaltung. / © Foto: IMAGO / Günter Schneider

Randlage: Der Reichstag im Sommer 1986, direkt an der Berliner Mauer gelegen. / © Foto: IMAGO / Sommer

Quellen: Wikipedia: „Reichstagsgebäude“, Deutscher Bundestag: Geschichte des Reichstags, Planet Wissen: Das Reichstagsgebäude, IMAGO, RBB

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.