Mit dem Bau zweier neuer Torhäuser wird das denkmalgeschützte Gelände der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Berlin-Charlottenburg neu geordnet. Ein fast vergessenes Stadtareal erhält damit seine einstige Struktur und Adresse zurück. Wo einst Helmholtz und Siemens forschten, entsteht ein neu geordnetes Areal für Zukunftstechnologien und zeigt, wie sich historisches Erbe und moderne Nutzung verbinden lassen.

An der Charlottenburger Marchstraße entsteht ein modernes Wissenschaftszentrum mit historischem Kern. Der schrittweise Umbau der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt vereint Metrologie, Architektur und Stadtreparatur. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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An der Charlottenburger Marchstraße, unweit vom Ernst-Reuter-Platz, befindet sich die Physikalisch-Technische Bundesanstalt, kurz PTB. Die PTB ist das nationale Metrologieinstitut mit wissenschaftlich-technischen Dienstleistungsaufgaben.
Die Bundesanstalt ist neben Berlin an einem weiteren Standort beheimatet, nämlich im niedersächsischen Braunschweig. Das Institut in Berlin beherbergt den historischen Ursprung der damaligen Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, welche im Jahr 1887 auf Initiative von Werner von Siemens und Hermann von Helmholtz in Berlin-Charlottenburg gegründet wurde.
Marchstraße in Charlottenburg: Neubau von zwei Torhäusern auf historischem Campus
Noch heute sind einige der auf dem Campus zwischen Abbestraße und Marchstraße untergebrachten Institutionen in denkmalgeschützten Gebäuden untergebracht. Dieses historische Areal ist in den vergangenen Jahren sukzessive durch moderne Neubauten ergänzt worden. Derzeit werden zwei weitere Neubauten auf dem Gelände errichtet, an der nordöstlichen und südlichen Ecke des Grundstücks.
Das Stammgelände der PTB wird im Zuge dieser baulichen Ergänzung mit einer angrenzenden Erweiterungsfläche neu geordnet und erhält dadurch seine ursprüngliche Adresse an der Marchstraße zurück. Diese wird entsprechend der historischen Anlage durch zwei Torhäuser auf den Ecken des parkartigen Geländes ergänzt, die das zentral positionierte, historische Observatorium zukünftig einrahmen sollen.
Das erste Torhaus wurde im Frühjahr 2025 fertig, das zweite Gebäude ist noch im Bau
Das erste der zwei Torhäuser wurde im Frühjahr 2025 fertiggestellt und ist schon eröffnet worden. Das Gebäude erhält den Titel „Gerhard Meißner Bau“. Das Gebäude bietet nun Labor-, Mess- und Reinräume für höchst genaue Messungen der Temperatur und für Forschungsarbeiten rund um supraleitende Sensorik.
Im zweiten Laborgebäude, dem „Torhaus Süd“, werden Beschäftigte zweier Fachbereiche Forschungs-, Entwicklungs- und Kalibrierarbeiten auf dem Gebiet der Thermometrie und Messtechnik durchführen. Das Ensemble entsteht nach Plänen der Büros Rohdecan Architekten GmbH sowie Staab Architekten und umfasst ein Kostenvolumen von 37 Millionen Euro. Bauherr ist das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung.
Neben den erforderlichen, teilweise mehrgeschossigen Büro-, Labor- und Messräumen sind ein Grau- und Reinraumbereich mit einer Halbleiterlithographie sowie ein auch für externe Besucherinnen und Besucher zugänglicher Seminar- und Vortragsbereich geplant.
Langzeitprojekt in Charlottenburg: Wiederherstellung des historischen Areals an der Marchstraße
Die Wiederherstellung des historischen Areals unweit der Technischen Universität in Charlottenburg ist von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerktes Langzeitprojekt, das die verschiedenen Gebäude, die sich auf dem Gelände befinden, allesamt einbezieht.
Bereits zwischen 2009 und 2012 wurde das zentrale Gebäude des Areals, das historische Observatorium, generalsaniert und um ein größtenteils im Boden versenktes neues Infrastrukturgebäude erweitert. Der Umbau wurde nach Plänen des Büros huber staudt architekten umgesetzt. Das Observatoriumsgebäude wurde zwischen 1895 und 1902 errichtet und ist damit das älteste Bauwerk der gesamten Einrichtung.
Ernst-Reuter-Platz: Umgestaltung des historischen Geländes folgt einem Masterplan des BBR
Mit dem Abschluss des „Torhauses Süd“ sind die Bauarbeiten auf dem Areal allerdings noch längst nicht abgeschlossen, im Rahmen des Masterplans werden noch weitere historische Gebäude saniert und modernisiert. Insgesamt stehen mehr als zehn Gebäudekomplexe auf dem Gelände und wurden bzw. werden durch moderne Ergänzungsbauten nachverdichtet.
Um den Zusammenhalt des Areals zu stärken, sollen nach den Vorgaben des Masterplans die nach außen gerichteten Gebäude mit Mauerwerksfassaden gestaltet werden, die sich in Materialität und Farbgebung an den historischen Bestand des Stammgeländes anlehnen müssen. Für die Fassadengestaltung in den innenliegenden Bereichen können hingegen auch andere Materialien zum Einsatz kommen.
Der seit Jahren laufende Umbau des historischen Geländes soll die einstige Ausgestaltung des Geländes wieder sicht- und erlebbar machen. Lange, auch nach dem Zweiten Weltkrieg, profitierte die weitläufige Anlage der Bundesanstalt von der architektonischen Qualität und dem Ensemblecharakter ihrer historischen Bauten sowie deren harmonischer Einbettung in die parkähnlichen Außenanlagen.
Bebauungsstruktur wurde zunehmend von technischen Anlagen, Verkehrsflächen und Infrastruktureinrichtungen überlagert
Im Laufe der Jahrzehnte jedoch wurde die ursprüngliche Bebauungsstruktur zunehmend von technischen Anlagen, Verkehrsflächen und Infrastruktureinrichtungen überlagert. Die nördlich gelegenen Erweiterungsflächen entwickelten sich additiv und in weiten Teilen ohne übergeordnetes Konzept, eine planvolle städtebauliche Struktur blieb aus.
In der Folge war eine klare städtebauliche Ordnung kaum noch erkennbar. Besonders schmerzlich für die Institution: Durch die Ausrichtung des Geländes zur abseits gelegenen Abbestraße verlor die Bundesanstalt ihre sichtbare Präsenz im städtischen Raum. Ein Manko, das bis heute nachwirkt und im Zuge der nun laufenden Umbauarbeiten behoben werden soll.
Quellen: Rohdecan Architekten GmbH, Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Staab Architekten, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, huber staudt architekten
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Kleine Richtigstellung: Das Torhaus Süd wurde bereits 2024 in Betrieb genommen und heisst „Anna von Helmholtz-Bau“. Der erwähnte “ Gerhard Meißner-Bau“ heißt „Walter Meißner- Bau“ und ist kein Torhaus, sonder das beschriebene Laborgbäude für Tieftemperaturphysik. Dieses befindet sich allesdings in der Abbestraße. Das Torhaus Nord steht vor der Fertigstellung.