Der Brand auf dem Bogensee-Areal bei Wandlitz hat eines der zentralen Gebäude des früheren DDR-Schulungszentrums zerstört. Doch Historiker Sören Marotz sieht darin nicht nur einen Verlust, sondern auch neue Möglichkeiten für eine Umnutzung. Zwischen Denkmalschutz, Wohnnutzung und kulturellen Perspektiven wird die Zukunft des geschichtsträchtigen Geländes nun neu verhandelt. Marotz hat eine klare Idee für die Umnutzung des riesigen Geländes.

Das ehemalige Schulungszentrum der SED am Bogensee steht seit Jahrzehnten leer. Nach dem jüngsten Brand rückt die Frage in den Fokus, ob das Areal überhaupt noch zu retten ist, oder ob sich neue Wege eröffnen. Historiker und Kommunalpolitiker plädieren dafür, den Einschnitt als Wendepunkt zu begreifen – und tendieren zu einer Nutzung als Wohnquartier. / © Foto: Wikimedia Commons, Olaf Tausch, CC BY 3.0
© Titelbild: Wikimedia Commons, Olaf Tausch, CC BY 3.0
Der jüngste Brand auf dem Gelände des ehemaligen Schulungszentrums der DDR-Staatsführung am Bogensee nördlich von Berlin markiert nach Einschätzung von Historikern und Kommunalpolitikern einen tiefgreifenden Einschnitt für die Zukunft des Areals.
Betroffen war das sogenannte Lektionsgebäude, ein zentraler Bestandteil der Anlage aus den 1950er-Jahren. Während das Feuer zunächst wie ein weiterer Rückschlag für das seit Jahren ungenutzte Ensemble wirkt, sehen Fachleute darin auch eine Zäsur, die neue Spielräume für eine langfristige Entwicklung eröffnen könnte.
Nach Angaben der Feuerwehr war das Gebäude beim Eintreffen der Einsatzkräfte bereits weitgehend ausgebrannt, verletzt wurde niemand. Der Brand reiht sich in eine Serie von Vorfällen auf dem schwer zu sichernden Gelände ein und verschärft die Debatte um die Zukunft des historischen Komplexes.
Vom NS-Feriensitz zum Schulungszentrum der SED: Die wechselvolle Geschichte des Bogensee-Areals
Das Areal am Bogensee ist historisch doppelt belastet. In der NS-Zeit ließ Propagandaminister Joseph Goebbels dort einen Landsitz errichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Gelände in den Besitz der DDR über und wurde zu einem zentralen Schulungszentrum der Sozialistischen Einheitspartei umgebaut. In den 1950er- und 1960er-Jahren entstand ein weitläufiger Gebäudekomplex mit Lehrsälen, Unterkunftsbauten und einem repräsentativen Kulturhaus.
Nach 1990 blieb das Areal weitgehend ungenutzt. Mehrere Versuche, neue Funktionen zu etablieren, scheiterten. Der bauliche Zustand verschlechterte sich zunehmend. Das Land Berlin hatte zuletzt beschlossen, das denkmalgeschützte Areal am Bogensee bis Ende 2027 an die Gemeinde Wandlitz zu übergeben.
Das denkmalgeschützte Gelände verursacht jährliche Kosten von bis zu 300.000 Euro
Grundlage dieser Vereinbarung ist das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“, das Kommunen bei der Entwicklung besonderer Orte unterstützt. Wandlitz darf die Gebäude und Außenflächen künftig für Führungen, Veranstaltungen und öffentliche Besichtigungen nutzen. Berlin bleibt Eigentümer und überlässt das Gelände unentgeltlich. Ziel ist es, gemeinsam mit dem Landkreis Barnim ein tragfähiges Konzept für die Zukunft zu erarbeiten.
Die Überlassung soll der Gemeinde Zeit geben, die Potenziale des Geländes zu prüfen und Ideen zu konkretisieren. Während Berlin die jährlichen Bewirtschaftungskosten von etwa 200.000 bis 300.000 Euro weiterhin trägt, verpflichtet sich Wandlitz, die Verwaltung zu übernehmen und neue Verträge mit Versorgern und Dienstleistern abzuschließen.
Historiker Sören Marotz über den Brand auf dem Bogensee-Areal: „Ein Wendepunkt, ohne Zweifel“
Der Historiker Sören Marotz vom DDR-Museum bewertet den Brand als klaren Wendepunkt. Das betroffene Lektionsgebäude habe bereits vor dem Feuer massive bauliche Defizite aufgewiesen. Nach seinen Angaben war insbesondere die Decke stark von Schimmel befallen. Ursache dafür seien umfangreiche Wasserschäden im Zuge von Sanierungsmaßnahmen während der Corona-Jahre gewesen.
Große Mengen Wasser seien in das Gebäude eingedrungen, Parkettböden hätten sich aufgequollen, Bauteile hätten ohnehin ersetzt werden müssen. Der Lektionssaal stand zwar unter Denkmalschutz, hatte jedoch keinen realistischen Nutzer. Ein denkmalgerechter Erhalt wäre mit erheblichem finanziellem Aufwand verbunden gewesen.
Vor diesem Hintergrund hält Marotz einen Wiederaufbau des nun teilweise zerstörten Gebäudes in seiner historischen Form für wenig sinnvoll. Der Verlust des Dachs und des Innenausbaus verändere die architektonische Situation grundlegend. Die verbliebenen Grundmauern eröffneten nun andere bauliche Möglichkeiten, etwa offene Konstruktionen oder neue Überdachungskonzepte.
Nur ein kleiner Teil der Bogensee-Anlage betroffen: Neue architektonische Spielräume entstehen
Nach Einschätzung von Marotz ist nur ein begrenzter Teil der Gesamtanlage durch den Brand beschädigt worden. Die beiden Seitenflügel des Lektionsgebäudes sowie der überwiegende Teil des Areals seien vom Brand nicht betroffen. Damit bleibe der strukturelle Kern des Ensembles erhalten.
Gleichzeitig verändere der Verlust des Innenausbaus die Wahrnehmung des Gebäudes deutlich. Ohne Dach und mit offenen Strukturen erhalte der Bau womöglich eine neue räumliche Qualität, so Marotz. Diese könne künftig planerisch genutzt werden. Marotz spricht von neuen Freiheiten, die es zuvor nicht gegeben habe.
Der Brand bedeute daher nicht das Ende des Areals, sondern markiere vielmehr einen Punkt, an dem bisherige Konzepte grundsätzlich überprüft werden müssten.
Nutzungskonzepte am Bogensee: Hochschule, Akademie oder Wohnen?
In der Vergangenheit wurden zahlreiche Nutzungsideen diskutiert. Dazu gehörten Konzepte als Hochschule, Akademie oder Bildungseinrichtung, auch verschiedene Museumskonzepte wurden durchgespielt. Marotz hält diese Ansätze heute für kaum realisierbar. Die Flächen seien sehr groß, die verkehrliche Anbindung schwach, und tragfähige wirtschaftliche Modelle hätten sich nicht gefunden.
Kurzzeitig war auf dem Gelände eine Polizeischule untergebracht. Darüber hinaus kam es jedoch zu keiner dauerhaften Nutzung. Auch in Phasen, in denen der bauliche Zustand noch besser war, ließen sich entsprechende Konzepte nicht umsetzen.
Als realistischste Perspektive sieht Marotz daher eine Umnutzung in Richtung gehobenes Wohnen. Eine entsprechende städtebauliche Studie im Rahmen eines Bundesprogramms wird derzeit erarbeitet. Marotz geht davon aus, dass diese Untersuchung am Ende ebenfalls eine Wohnnutzung empfehlen wird.
Wandlitz: Das Bogensee-Kulturhaus als architektonischer Schlüsselbau für öffentliche Nutzungen?
Besonders betont Marotz die Bedeutung des Kulturhauses auf dem Gelände. Der Bau mit Säulenportikus und großem Veranstaltungssaal mit umlaufender Empore gilt als architektonisch wertvollster Teil der Anlage. Er eigne sich besser für kulturelle Veranstaltungen als das nun zerstörte Lektionsgebäude.
Damit eröffne sich die Möglichkeit einer Mischnutzung: Während Teile des Areals für Wohnzwecke entwickelt werden könnten, ließen sich im Kulturhaus öffentliche Veranstaltungen, kulturelle Angebote oder Ausstellungen etablieren. Der Verlust des Lektionsgebäudes wiege in diesem Zusammenhang weniger schwer, da das Kulturhaus funktional geeigneter sei.
Nach dem Brand: Auswirkungen auf das Nutzungsrecht der Gemeinde Wandlitz
Unklar ist bislang, welche rechtlichen und finanziellen Folgen der Brand haben wird. Die Gemeinde Wandlitz verfügt über ein zweijähriges Nutzungsrecht für das gesamte Areal und trägt weiterhin Betriebskosten von bis zu 300.000 Euro jährlich. Ob dieses Modell angesichts der neuen Situation aufrechterhalten werden kann, ist durchaus offen.
Marotz geht davon aus, dass nun Gespräche mit dem Eigentümer geführt werden müssen. Zwar gelten die Nutzungsrechte formal weiterhin für das gesamte Gebäude, doch könnten sich die Rahmenbedingungen durch den Brand verändert haben.
Brand als Chance? Warum Bogensee jetzt neu gedacht werden muss
Genauso wie Wandlitz’ Bürgermeister Oliver Borchert vertritt Marotz selbstbewusst den Standpunkt, den Brand nicht als Scheitern, sondern als Ausgangspunkt für einen Neustart zu begreifen. Der Verlust eines baulich problematischen Gebäudeteils könnte nach seiner Einschätzung neue planerische Freiheiten schaffen und die Entwicklung des Areals beschleunigen.
Der Bogensee steht damit möglicherweise erneut an einem Wendepunkt. Nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als Ort, dessen Zukunft nun unter veränderten Bedingungen neu verhandelt werden muss. Diese Verhandlungen sollten zeitnah beginnen, um einen weiteren Verfall und weitere ähnliche Vorfälle zu vermeiden. Denn die mangelhafte Sicherung des Areals bleibt eines der größten Probleme für die geplante Weiterentwicklung des historischen Geländes.
Hinweis der Redaktion: Zum Podcast mit Historiker Sören Marotz, in dem es ausführlich um die Geschichte des Bogensee-Areals geht, gelangt Ihr hier.
Quellen: Landkreis Barnim, DDR-Museum, rbb24, Tagesspiegel, Deal Magazin
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3 Kommentare
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Warmabriss.
Das sollte sich die Regierung krallen für ein neues Wandlitz.
Der Verfall ist dieser Immobilie im nirgendwo ist unaufhaltsam egal was Denkmalschützer, Anrainer und Lokalpolitiker sagen. Eine teure Erschließung können und wollen sich weder der Kreis noch Berlin leisten.
Ein Wendepunkt? „Marotz spricht von neuen Freiheiten, die es zuvor nicht gegeben habe.“ Vielleicht sollte es noch mehr brennen.