Nach Jahrzehnten des Stillstands rückt die Rückkehr der Siemensbahn in Berlin-Spandau näher. Der aktuelle Zeitplan stellt eine Reaktivierung der historischen Bahnstrecke bis 2029 oder 2030 in Aussicht, im Sommer 2026 beginnen erste Arbeiten. Die Farbe der alten und neuen Trasse soll übrigens Marineblau werden, aus einem ganz bestimmten Grund.

Sieht so die zukünftige, reaktivierte Siemensbahn aus? Eine KI-generierte Simulation zeigt den blauen Anstrich (nach historischem Vorbild), den die bestehende Tragwerksstruktur wieder erhalten soll. / © ENTWICKLUNGSSTADT / mit KI bearbeitet (Open AI)
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT / mit KI bearbeitet (Open AI)
Die Reaktivierung der Siemensbahn gehört zu den bedeutendsten Infrastrukturprojekten im Berliner Westen. Über Jahrzehnte lag die traditionsreiche S-Bahnstrecke zwischen Jungfernheide und Gartenfeld brach, doch nun steht erstmals ein konkreter Zeitplan für ihre Wiederbelebung fest.
Mit dem Projekt rückt nicht nur eine wichtige Verkehrsverbindung zurück ins Netz, sondern auch ein Stück Berliner Industriegeschichte.
Konkreter Zeitplan für die Siemensbahn: Baustart ab Herbst 2026 und Inbetriebnahme bis 2029/2030
Nach aktuellen Planungen soll der sichtbare Baustart im Herbst 2026 erfolgen. Dann beginnen die Rodungsarbeiten entlang der seit Jahrzehnten ungenutzten Trasse. Bereits im Sommer 2026 starten vorbereitende Untersuchungen. Insbesondere das historische Stahlviadukt wird detailliert geprüft, um den Zustand der Konstruktion zu bewerten.
Ein Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf der umfassenden Erneuerung der Infrastruktur. Die rund 4,5 Kilometer lange Strecke wird grundlegend rekonstruiert, Gleise werden neu verlegt und technisch auf den neuesten Stand gebracht.
Auch die Bahnhöfe werden umfangreich modernisiert. Während die Stationen Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld neu gebaut oder vollständig saniert werden, erhalten die bestehenden Bahnhöfe Jungfernheide und Westhafen zusätzliche Bahnsteige. Die Fertigstellung der Bahnhöfe ist für das Jahr 2027 vorgesehen. Ziel ist es, die Strecke barrierefrei und zukunftsfähig auszubauen.
Neubau der Spreebrücke als kritischer Faktor: Verzögerungen im Bauablauf möglich
Ein zentrales Element des Projekts ist der Neubau der Spreebrücke. Dieser Abschnitt gilt als besonders komplex, da ein eigenes Planfeststellungsverfahren erforderlich ist. Genau hier liegt eines der größten Risiken für den Zeitplan. Verzögerungen im Genehmigungsprozess könnten die Fertigstellung der Gesamtstrecke beeinflussen.
Aktuell wird davon ausgegangen, dass Bauzüge die Strecke ab 2028 nutzen können. Die vollständige Inbetriebnahme ist für Ende 2029 vorgesehen, wobei eine Verschiebung auf 2030 nicht ausgeschlossen wird.

Die historische, denkmalgeschützte Strecke der Siemensbahn ist in Spandau omnipräsent und von vielen Stellen einsehbar. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN
Alte und neue Siemensbahn: Stahlträger werden in Marineblau gestrichen – wie in den 1920er Jahren
Unabhängig vom genauen Zeitpunkt ist die Siemensbahn eng mit der Entwicklung der Siemensstadt verknüpft. Neue Quartiere, Arbeitsplätze und Wohnraum erhöhen den Bedarf an leistungsfähiger Anbindung deutlich.
Die historischen Stahlträger sollen übrigens in Marineblau gestrichen werden, so wie es schon zur Eröffnung der Strecke in den 1920er Jahren war. Es war die damalige Hausfarbe von Siemens.
Industriebahn ab 1927: Siemens errichtete eigene S-Bahnstrecke für seine Werke
Die Geschichte der Siemensbahn beginnt in den späten 1920er-Jahren. Zwischen 1927 und 1929 ließ Siemens & Halske die Strecke in Eigenregie errichten. Ziel war es, die wachsenden Industrieanlagen in Siemensstadt effizient an das Berliner Schnellbahnnetz anzubinden.
Die Strecke wurde als Hochbahntrasse mit Stahlviadukten und Dammanlagen gebaut. Von Beginn an fuhren die Züge elektrisch; ein damals moderner Standard, der parallel zur Elektrifizierung des gesamten S-Bahnnetzes umgesetzt wurde.
In den Anfangsjahren entwickelte sich die Siemensbahn zu einer wichtigen Pendlerverbindung. Züge verkehrten teilweise bis nach Neukölln oder Papestraße und sorgten für eine direkte Verbindung zwischen Wohn- und Arbeitsorten.
Hohe Auslastung in der Anfangszeit: Tausende Siemens-Beschäftigte nutzen die Strecke täglich
Die Bedeutung der Strecke zeigte sich vor allem in ihrer intensiven Nutzung. Von rund 90.000 Siemens-Mitarbeitenden nutzten etwa 17.000 regelmäßig die Bahn. Im dichten Fünf-Minuten-Takt pendelten sie zwischen den Werken und ihren Wohnorten.
Die Siemensbahn war damit nicht nur Verkehrsinfrastruktur, sondern ein zentraler Bestandteil der industriellen Organisation in Berlin.

Hier wird viel gerodet werden: Weite Teile der Bahnstrecke sind überwuchert und müssen erst einmal freigeräumt werden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN
Zweiter Weltkrieg und Strukturwandel: Beginn des Niedergangs der Siemensbahn
Der Zweite Weltkrieg markierte einen tiefen Einschnitt. Schäden an der Infrastruktur führten dazu, dass der Betrieb zunächst nur eingeschränkt möglich war. Ein Gleis wurde als Reparationsleistung demontiert, der Verkehr lief zeitweise nur eingleisig. Erst Mitte der 1950er-Jahre konnte der vollständige Betrieb wieder aufgenommen werden.
Doch die Rahmenbedingungen hatten sich verändert. Der Umzug des Siemens-Hauptsitzes nach München und die wirtschaftliche Lage West-Berlins führten zu sinkenden Fahrgastzahlen, die Strecke verlor zunehmend an Bedeutung.
Konkurrenz durch die U7 und Stilllegung 1980: Siemensbahn wurde überflüssig
Spätestens mit dem Ausbau der U-Bahnlinie U7 änderte sich die Situation grundlegend. Neue Stationen wie Siemensdamm und Rohrdamm boten eine leistungsfähige Alternative zur Siemensbahn.
Die Siemensbahn wurde schließlich zunehmend weniger genutzt. Die Taktung wurde reduziert, die Züge waren oft nur noch schwach ausgelastet. Nach dem S-Bahn-Streik im Jahr 1980 wurde der Betrieb dann vollends eingestellt und nie wieder aufgenommen.
Denkmalschutz und neue Perspektiven: Warum die Siemensbahn heute reaktiviert werden kann
Trotz der Stilllegung blieb die Strecke erhalten, ein formales Stilllegungsverfahren wurde nie vollständig abgeschlossen. Ein entscheidender Schritt war zudem die Unterschutzstellung großer Teile der Trasse im Jahr 1995. Dadurch wurde ein Abriss verhindert, die Strecke steht seitdem unter Denkmalschutz.
Heute bildet genau diese historische Substanz die Grundlage für die geplante Reaktivierung. In diesem Sommer soll es also losgehen, das bemerkenswerte Infrastrukturprojekt im äußersten Berliner Westen. Ob Deutsche Bahn und Berliner Senat ihren ambitionierten Zeitplan werden halten können, wird mit großem Interesse verfolgt werden, nicht nur in Siemensstadt und Spandau.
Quellen: Siemens AG, Wikipedia, Architektur Urbanistik Berlin, Deutsche Bahn Netz AG, Deutsche Bahn AG, VBB, Der Tagesspiegel
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