Das populäre Quartier rund um den Kreuzberger Oranienplatz würde es in seiner heutigen Form nicht geben, hätten die Stadtplaner der Nachkriegsjahrzehnte ihre Verkehrsplanung für das damalige West-Berlin vollständig verwirklicht. Denn durch Kreuzberg hindurch sollte die geplante Bundesautobahn 106 führen. Direkt am Oranienplatz war der Bau eines großen Autobahnkreuzes geplant.
Dieser Artikel ist im Rahmen der ENTWICKLUNGSSSTADT PLUS-Reihe „Berliner Luftschlösser“ erschienen

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Joe Mabel

 

Es ist aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, dass der Berliner Senat den Bau einer mehrspurigen Autobahn durch das dicht besiedelte und von gründerzeitlichen Baustrukturen dominierte Kreuzberg realisieren wollte. Aber genau das war der Plan der Verkehrsplaner, die im West-Berlin der Nachkriegszeit die sogenannte „autogerechte“ Stadt erdachten und auch bauten.

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Und dass der Plan eines Autobahnbaus durch Kreuzberg keine verkehrsplanerische Utopie, sondern ein ernsthaftes Vorhaben war, zeigt allein die Tatsache, dass der Bau der innerstädtischen Stadtautobahn in anderen, ähnlich dicht besiedelten und bebauten Bezirken West-Berlins vorbehaltlos umgesetzt wurde.

In West-Berlin wurden historische Stadtplätze mit der Stadtautobahn überbaut

Aus einstmals kleinteiligen und einladenden Stadtplätzen wie dem Innsbrucker Platz, dem Heidelberger Platz oder (bis vor wenigen Jahren noch) dem Breitenbachplatz wurden große Verkehrsareale, die heute vor allem darauf ausgelegt sind, riesige Automassen schnell und komfortabel hindurchzuführen.

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Anstatt die im Krieg schwer zerstörten Quartiere wieder aufzubauen, forcierte der Senat ab Mitte der 1950er Jahre den Bau der Berliner Stadtautobahn. Und diese führt heute mitten durch dicht bebaute Stadtareale in Charlotttenburg, Schöneberg, Wilmersdorf oder Tempelhof.

Der Berliner Senat plante den Bau der Bundesautobahn 106 durch Kreuzberg

Die Berliner Stadtautobahn in ihrer heutigen Form jedoch ist ein unvollendetes Bauwerk, denn die Planungen zum Bau der Autobahnstrecke durch die Berliner Bezirke gingen eigentlich noch viel weiter.

Denn nach den ursprünglichen Planungen des Berliner Flächennutzungsplans aus dem Jahr 1965 sollte die damals geplante Bundesautobahn 106 die sogenannte „Südtangente“ bilden und von Schöneberg über Kreuzberg und Alt-Treptow nach Köpenick geführt werden. Die Verkehrsplanung sah also in dieser Zeit noch eine perspektivische Wiedervereinigung beider Stadthälften vor.

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Verkehrsplanung: Am Oranienplatz sollte die A 106 sich mit der A 102 kreuzen

Die geplante Autobahn sollte sich am Kreuz Tempelhofer Ufer mit der A 103 kreuzen. Am geplanten Kreuz Oranienplatz sollte sie sich dann mit der A 102 kreuzen. Mit der A 100 war zudem ein Autobahnkreuz an der Neuköllner Sonnenallee geplant.

Die nahezu vollständig auf den Autoverkehr ausgerichtete Neuplanung der Westhälfte Berlins ging zurück auf den sogenannten „Kollektivplan“ des Architekten Hans Scharoun, der 1945 und 1946 als Stadtbaurat eine völlig neue Stadt konzipieren wollte, ohne auf die historischen Strukturen des alten Berlins große Rücksicht nehmen zu wollen.

Hans Scharoun plante Berlin in den Nachkriegsjahren vollkommen neu

Scharoun plante dabei Autobahnen in großem Stil, die zwischen abgesonderten Arbeits- und Wohnquartieren verlaufen sollten. So entstanden schließlich innerstädtische, mehrspurige Autobahnschneisen und Verkehrskreuze wie am Bundesplatz oder an der südlichen Schloßstraße, die den ursprünglichen Charakter der umliegenden Quartiere nachhaltig veränderten.

So sollte es auch in Kreuzberg geschehen. Dort waren nach Kriegsende ohnehin über 40 Prozent der Wohnungen zerstört oder unbewohnbar. Bis Mitte der 1950er-Jahre geschah dort, vom Trümmerräumen und notdürftigen Reparaturen einmal abgesehen, nicht sehr viel.

„Wir bauen die neue Stadt“: Separierte Wohn- und Arbeitsviertel wurden geplant

So sahen die Stadtplaner gerade hier viel Raum für ihre großflächige Verkehrsplanung. Was man von den heute so beliebten Gründerzeitquartieren in den Nachkriegsjahren hielt, zeigen besonders schön die Zeichnungen einer 1956 erschienenen Broschüre mit dem Titel „Wir bauen die neue Stadt“. Da wird unter der Überschrift „So nicht“ gezeigt, was es zukünftig zu überwinden galt: Stuckfassaden etwa und das dichte Beieinander von Kirchen, Restaurants und Schulen.

Eine aus heutiger Sicht geradezu groteske Sichtweise, die unter anderem auch zum Abriss des prachtvollen Anhalter Bahnhofs und weiterer, gut erhaltener Gebäude aus der Vorkriegszeit geführt hat. Die Stadtentwicklungspolitik der 1950er und 1960er Jahre sah eine „Entmischung“ von Wohnen und Arbeiten vor und demzufolge auch die Schaffung großer und langer Zufahrtswege vor.

Der Bau der Mauer änderte die Planungen für den Autobahnbau in Kreuzberg

Der Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 versetzte Kreuzberg jedoch urplötzlich in eine West-Berliner Randlage. Der Weiterbau der Stadtautobahn und die Realisierung der „Südtangente“ in Kreuzberg wurden damit empfindlich ausgebremst und letztlich auf Eis gelegt.

Und so nahmen die Kreuzberger Quartiere zwischen Engelbecken, Kottbusser Tor und Hermannplatz eine gänzlich andere, städtebauliche und vor allem auch kulturelle Entwicklung. Die Planungen für eine Realisierung der A106 wurden schließlich auch nach dem Mauerfall nicht wieder aufgenommen.

 

Quellen: berlingeschichte.de, Autobahn GmbH des Bundes, Wikipedia, Berliner Zeitung, berlinstreet.de, Deutsches Architektur Forum 

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