Anzeige

Die aktuellen Straßenumbenennungen in Berlin zeigen, wie die Stadt mit kolonialer und historischer Belastung umgeht. Oft werden Umbenennungen zur Frage von Identität und Erinnerungskultur. Hinter jeder neuen Bezeichnung steht ein Ringen zwischen Politik, Gesellschaft und Geschichte.

Seit wenigen Monaten heißt die ehemalige Mohrenstraße nun offiziell Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Die Entscheidung, die Straße umzubenennen, wurde von der Bezirksverordnetenversammlung Mitte im August 2020 getroffen und im Mai 2021 durch das Bezirksamt umgesetzt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Foto Titelbild: Depositphotos – 719702806
© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

ANZEIGE

 

Berlin erlebt derzeit einen umfassenden Wandel im öffentlichen Straßennamenwesen. Zahlreiche Straßen werden umbenannt, um historisch belastete Bezeichnungen zu ersetzen und Persönlichkeiten des Widerstands oder der sozialen Verantwortung zu würdigen. Betroffen sind sowohl zentrale Ortsteile wie Mitte oder Tiergarten als auch Randquartiere wie Steglitz und Grunewald.

Die Umbenennungen greifen unterschiedliche historische Kontexte auf, von kolonialen Verbindungen über die NS-Zeit bis hin zu lokalen Persönlichkeiten, die gesellschaftliches Engagement zeigten. Hinter jeder Entscheidung stehen politische Gremien, Bürgerbeteiligung und teils auch juristische Auseinandersetzungen, die den Prozess verzögern oder prägen. Welche Namen geändert wurden, welche Kontroversen sich daraus ergeben und welche symbolische Bedeutung die neuen Bezeichnungen tragen, wird in diesem Beitrag beleuchtet.

ANZEIGE

Betty-Katz-Straße: Neuer Name für Treitschkestraße in Steglitz

Am heutigen 1. Oktober 2025 erhält die bisherige Treitschkestraße in Berlin-Steglitz den Namen Betty-Katz-Straße. Damit wird an die jüdische Holocaust-Überlebende erinnert, die später ein Blindenheim in Berlin leitete. Der bisherige Namensgeber, der Historiker Heinrich von Treitschke, war wegen seiner antisemitischen Äußerungen seit Langem umstritten.

Schon Anfang der 2000er-Jahre gab es erste Anstöße für eine Umbenennung. Politische Widerstände und Einwände aus der Nachbarschaft verhinderten lange eine Entscheidung. Inzwischen hat sich die Bewohnerstruktur stark verändert, denn viele junge Familien sind zugezogen und haben sich nachdrücklich für die Umbenennung eingesetzt. Im Januar 2025 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung schließlich, die Straße nach Betty Katz zu benennen. Während der sechsmonatigen Übergangsphase werden beide Straßennamen nebeneinander angezeigt, wobei die alte Bezeichnung durchgestrichen wird.

Anton-Wilhelm-Amo-Straße: Neuer Name für Mohrenstraße in Mitte

Die Diskussion um die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße verdeutlicht, wie eng Stadtgeschichte und gesellschaftliche Auseinandersetzungen miteinander verbunden sind. Seit den 1990er-Jahren wird über den Namen gestritten, da der Begriff „Mohr“ als kolonialistisch und rassistisch belastet gilt. Mit der Entscheidung des Bezirksamts Mitte im Jahr 2021, die Straße nach Anton Wilhelm Amo, einem afrikanischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, zu benennen, sollte ein Zeichen für eine differenzierte Erinnerungskultur gesetzt werden.

ANZEIGE

Die Umbenennung stieß jedoch nicht nur auf Zustimmung. Bürgerinitiativen und Anwohner legten Klagen ein, wodurch das Verfahren über viele Jahre verzögert wurde. Ein ursprünglich für August 2025 geplanter Festakt zur feierlichen Einführung des neuen Straßennamens wurde kurzfristig durch ein Gerichtsurteil gestoppt. Schließlich konnte der Bezirk Klage einreichen und die Umbenennung konnte einen Tag später gefeiert werden. Die Kontroverse zeigt, wie eng der Streit um historische Begriffe mit Fragen kollektiver Identität, Erinnerung und gesellschaftlichem Wandel verknüpft ist.

Wedding: Nettelbeckplatz soll neuen Namen erhalten

Immer noch umstritten ist der Nettelbeckplatz im Berliner Stadtteil Wedding. Dieser soll künftig Martha-Ndumbe-Platz heißen. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte beschloss im Januar 2025 die Umbenennung, um Martha Ndumbe zu ehren, eine Schwarze Frau, die 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück ums Leben kam.

Grund für die Umbenennung ist die historisch belastete Namensgebung: Joachim Nettelbeck gilt als Beteiligter am Versklavungshandel und Vertreter kolonialer Ideologien. Neben der Umbenennung soll eine Informationstafel aufgestellt werden, die den Lebenslauf und die Bedeutung von Martha Ndumbe erklärt. Die Umsetzung verzögert sich jedoch weiterhin aufgrund komplexer Formalitäten und verwaltungstechnischer Abläufe. Die offizielle Benennung ist nun nach der parlamentarischen Sommerpause geplant.

Anna-Mungunda-Allee und Maji-Maji-Allee: Neue Namen für Petersallee in Wedding

Nach einem jahrelangen Rechtsstreit konnte auch die Umbenennung der Petersallee im Berliner Stadtteil Wedding durchgesetzt werden. Am 23. August 2024 wurden die ehemaligen Straßenabschnitte der Petersallee offiziell umbenannt. Der westliche Teil trägt nun den Namen Maji-Maji-Allee, benannt nach dem Maji-Maji-Aufstand von 1905–1907 in Tansania, bei dem sich mehrere Völker gegen die deutsche Kolonialherrschaft erhoben.

Der östliche Abschnitt wurde in Anna-Mungunda-Allee umbenannt, zu Ehren einer namibischen Widerstandskämpferin, die 1959 bei einem Protest gegen die Apartheid in Windhoek von der Polizei erschossen wurde. Dieser Schritt folgt dem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Mitte aus dem Jahr 2018. Die Umbenennung ist Teil eines umfassenderen Prozesses, bei dem kolonial belastete Straßennamen im Afrikanischen Viertel ersetzt wurden.

Baraschstraße: Neuer Name für Wissmannstraße in Grunewald

Seit Februar 2022 heißt die bisherige Wissmannstraße im Berliner Stadtteil Grunewald Baraschstraße. Mit der Umbenennung wird das jüdische Ehepaar Irene und Arthur Barasch gewürdigt, das bis zu seiner Flucht und Deportation mit seinen Kindern in der Wissmannstraße 11 lebte. Arthur Barasch war ein erfolgreicher Kaufmann und erhielt im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz.

Das Bezirksamt erklärte, die Umbenennung solle an eine Persönlichkeit erinnern, die sich für soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl einsetzte, und damit das öffentliche Gedächtnis stärken. Mit dieser Maßnahme wird ein weiteres bedeutendes Kapitel der Berliner Geschichte im öffentlichen Raum sichtbar gemacht.

Wedding: Zwei Neue Straßennamen für das Afrikanische Viertel

Im Dezember 2022 wurden im Afrikanischen Viertel in Berlin-Mitte (Ortsteil Wedding) zwei Straßen offiziell umbenannt. Die Bezirksverordnetenversammlung beschloss, künftig Persönlichkeiten des Widerstands gegen den Kolonialismus im Straßenbild zu würdigen. Die Lüderitzstraße trägt nun den Namen Cornelius-Fredericks-Straße, Fredericks war Anführer der „!Aman“ und zentrale Figur des militärischen Widerstands gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia.

Der bisherige Nachtigalplatz trägt seither den Namen Manga-Bell-Platz, zu Ehren von Rudolf und Emily Duala Manga Bell, dem Königspaar der Duala, dessen Anführer 1914 im Kampf gegen die deutsche Kolonialmacht hingerichtet wurde.

Tiergarten: Helmut-Kohl-Allee zu Ehren des ehemaligen Bundeskanzlers

Im Berliner Stadtteil Tiergarten wird die Hofjägerallee künftig Helmut-Kohl-Allee heißen. Der Senat beschloss die Umbenennung, um an den früheren Bundeskanzler zu erinnern, der als „Kanzler der Einheit“ eine zentrale Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung spielte.

Die Straße verläuft vom Großen Stern in Richtung der CDU-Bundesgeschäftsstelle und symbolisiert damit das politische Zentrum Berlins. Regierender Bürgermeister Kai Wegner erklärte, die Benennung mache Kohls historische Leistung sichtbar. Die Umsetzung der Namensänderung obliegt dem Bezirk Mitte, der genaue Zeitpunkt der Schilderumstellung steht bislang noch nicht fest.

Quellen: Berlin.de, Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost, rbb, Bezirksamt Mitte, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.