Berlin plant erneut tausende Wohnungen auf großen Freiflächen am Stadtrand. Seit den ersten Großsiedlungen der 1920er Jahre war das Konzept des gemeinschaftlichen Wohnens im großen Maßstab jedoch nicht immer eine Erfolgsgeschichte. Ob die Planerinnen und Planer diesmal die richtigen Konsequenzen ziehen, zeigt sich erst, wenn die ersten Bewohnerinnen und Bewohner eingezogen sind.

Luftaufnahme der Hufeisensiedlung Berlin-Britz: hufeisenförmiges Wohngebäude mit begrüntem Innenhof, umgeben von Kleingärten und rotgedeckten Reihenhäusern.

Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz entstand zwischen 1925 und 1933 nach Entwürfen von Bruno Taut und Martin Wagner. Mit ihrer markanten Hufeisenform und den begrünten Innenhöfen gilt sie als Ikone des Neuen Bauens. / © Wikimedia Commons, Sebastian Trommer, CC BY-SA 3.0

© Visualisierung Titelbild: Planungsgemeinschaft „Das-Neue-Gartenfeld“ GmbH & Co. KG / Studio Duplex GmbH

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Die Geschichte des Berliner Wohnungsbaus ist eine Geschichte von wechselnden Versprechen. In den 1920er Jahren entstanden unter Stadtbaurat Martin Wagner Siedlungen wie die Hufeisensiedlung in Britz und die Siemensstadt: gebaut für „Licht, Luft und Sonne“ als Antwort auf die engen Mietskasernen der Gründerzeit.

Knapp drei Jahrzehnte später kam der Bruch. Unter dem Leitbild „Urbanität durch Dichte“ entstanden Großsiedlungen in bisher unbekanntem Ausmaß: Gropiusstadt und das Märkische Viertel im Westen, Marzahn und Hellersdorf im Osten. Sie sollten den Wohnungsmangel lösen, wurden aber bald zu Sinnbildern gescheiterter Stadtplanung. Soziale Segregation, fehlende Infrastruktur und die Einheitlichkeit der industriellen Bauweise lösten ab den 1970er Jahren zunehmend Kritik aus.

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Gropiusstadt und Märkisches Viertel: Gleiche Dekade, unterschiedliche Schicksale

Blick über eine Wildblumenwiese mit gelben Blüten auf die Hochhaustürme der Gropiusstadt im Hintergrund unter bewölktem Himmel.

Hochhäuser der Gropiusstadt im Berliner Bezirk Neukölln. Die zwischen 1962 und 1975 erbaute Siedlung zählt rund 35.000 Bewohnerinnen und Bewohner. / © Wikimedia Commons, Colin Smith, CC BY-SA 2.0

Beide Siedlungen entstanden im selben Jahrzehnt, verliefen aber sehr verschieden. Walter Gropius hatte für seine Namenssiedlung in Neukölln ursprünglich einen kleinteiligeren Entwurf vorgesehen. Der Senat drängte auf mehr und verdoppelte die Wohneinheitenzahl auf rund 18.000, von denen 70 Prozent in Hochhäusern untergebracht wurden. Gropius bezeichnete das Ergebnis 1966 als das enttäuschendste Projekt, mit dem er je zu tun gehabt habe.

Dennoch traf die schärfste Kritik nicht die Gropiusstadt, sondern das Märkische Viertel. Die Gropiusstadt hatte von Anfang an Grünzüge und mit der U7 eine direkte Innenstadtanbindung. Im Märkischen Viertel fehlten diese Voraussetzungen: Die rund 50.000 Bewohnerinnen und Bewohner lebten ohne ausreichende Nahversorgung und Verkehrsanbindung, 1970 war jede sechste Familie auf Sozialhilfe angewiesen.

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Märkisches Viertel in den 1970er Jahren: Wie der Stadtteil sein gutes Image verlor

Straßenansicht im Märkischen Viertel: breite, mehrspurige Straße mit Pkw-Verkehr, flankiert von mehrstöckigen Hochhäusern mit farbigen Fassadenakzenten und kahlen Straßenbäumen.

Das Märkische Viertel in Reinickendorf wurde zwischen 1963 und 1974 für rund 50.000 Menschen gebaut. Fehlende Infrastruktur und eine mangelhafte Verkehrsanbindung machten das Viertel früh zum Ziel massiver Kritik. / © Foto Wikimedia Commons, Gunnar Klack, CC BY-SA 4.0

Den schlechten Ruf des Märkischen Viertels begründete nicht allein die Wirklichkeit, sondern auch deren mediale Darstellung. Der Spiegel bezeichnete das Viertel 1968 als „neuen Slum“, Studierende der Pädagogischen Hochschule kamen für sozialpädagogische Projekte ins Quartier, und eine Generation junger Dokumentarfilmer, darunter Helga Reidemeister und Christian Ziewer, drehte dort ihre ersten Arbeiten für das Fernsehen. Das Viertel wurde so zum Schauplatz von Debatten, die weit über die tatsächliche Situation vor Ort hinausgingen.

Die Historikerin Christiane Reinecke hat 2014 nachgewiesen, dass diese gut gemeinte Kritik das Image des Viertels langfristig verfestigte, obwohl viele Bewohnerinnen und Bewohner sich darin gar nicht wiedererkannten. Dabei bestehen die strukturellen Defizite teilweise bis heute: Eine direkte U-Bahn-Anbindung fehlt dem Viertel noch immer. Der Senat fasste erst im April 2026 den Beschluss, die U8 über Wittenau hinaus zu verlängern. Ein Baubeginn ist noch nicht gesichert. Trotzdem wird das Viertel weiter nachverdichtet, aktuell entstehen 176 Wohnungen der GESOBAU.

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Marzahn-Hellersdorf und der neue Wohnungsdruck: Warum Berlin erneut groß denkt

Luftperspektive auf sanierte Plattenbau-Hochhäuser in Marzahn mit orangefarbenen Fassadenakzenten, umgeben von Parkplätzen, Gewerbeflächen und Grünstreifen.

Ab Ende der 1970er Jahre als größte Plattenbausiedlung der DDR gebaut, durchlief Marzahn nach der Wiedervereinigung eine tiefe Krise. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Auch Marzahn und Hellersdorf durchliefen nach der Wiedervereinigung eine tiefe Krise. Bevölkerungsschwund und Leerstand prägten die 1990er Jahre, das Stigma saß tief: Mit der Comedyfigur „Cindy aus Marzahn“ wurde das Quartier zur bundesweiten Pointe über Monotonie und schwieriges soziales Milieu. Der Mechanismus war ein ähnlicher wie im Märkischen Viertel: ein mediales Bild, das die Lebensrealität vieler Bewohnerinnen und Bewohner nur teilweise widerspiegelte.

Heute hat sich das Bild gewandelt: Sanierungen und Rückbau haben das Quartier verändert, die Bevölkerung wächst seit 2009 wieder. Möglich war das, weil die Bestände nach 1990 überwiegend in kommunalem Eigentum blieben. Diese Lehre trägt, macht das Grundproblem aber nicht kleiner: Berlins Bevölkerung wuchs allein 2024 um fast 23.000 Menschen, die Angebotsmieten stiegen zwischen 2016 und 2025 um über 75 Prozent. Der Anlass wiederholt sich. Das Konzept soll es nicht.

In der hier verlinkten Folge der Dokumentationsreihe „Orte Ost“ widmet sich das Berliner DDR-Museum gesondert dem industriellen Wohnungsbau in Berlin-Marzahn.

Neulichterfelde in Lichterfelde-Süd: Neue Grundsätze auf dem Prüfstand

Luftaufnahme eines großen, überwiegend unbebauten Geländes in Berlin Lichterfelde Süd. Im Vordergrund sind offene Wiesenflächen und Wege zu erkennen, rechts schließt die Lichterfelder Weidelandschaft mit Bäumen an. Im Hintergrund befinden sich bestehende Wohngebäude und die Bahntrasse der S Bahn. Auf dem Areal soll das neue Stadtquartier Neulichterfelde mit rund 2.700 Wohnungen entstehen.

Das Baufeld des künftigen Quartiers Neulichterfelde auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Parks Range in Berlin-Lichterfelde. Von den rund 97 Hektar des Gesamtareals werden nur 36 bis 39 Hektar bebaut. / © Foto: degewo mit WÖHR + BAUER

Im Süden Berlins wird nun eine neue Großsiedlung aus dem Boden wachsen. Auf dem früheren Truppenübungsplatz „Parks Range“ entstehen nun rund 2.700 Wohneinheiten für etwa 6.000 Menschen, darunter geförderte Sozialwohnungen und Reihenhäuser. Von rund 97 Hektar Gesamtfläche werden nur 36 Hektar bebaut. Grundschule, Kitas, ein zentraler Stadtplatz am S-Bahnhof Lichterfelde Süd und Nahversorgung sind von Beginn an Teil der Planung.

Jedoch bleibt auch dieses Projekt nicht ohne Kritik. Das Aktionsbündnis Lichterfelde Süd bemängelte den Beteiligungsprozess und forderte mehr Schutz für die angrenzende Weidelandschaft. Fachleute warnen zudem, dass gestalterische Vielfalt allein nicht ausreicht, wenn Siedlungseinheiten entstehen, die auf sozialen Wandel nur schwer reagieren können.

Berliner Stadtplanung heute: Werden neue Großsiedlungen zu einem anderen Ergebnis führen?

Zu sehen ist der Rahmenplan für Neulichterfelde im Berliner Süden.

Masterplan nennt jetzt 36 Hektar Entwicklungsfläche, ca. 2.700 Wohneinheiten und rund 6.000 neue Einwohnerinnen und Einwohner. / © Foto: degewo mit WÖHR + BAUER

Vieles von dem, was an den neuen Quartieren heute als fortschrittlich gilt, war in den Leitbildern der 1960er Jahre bereits angelegt. Auch damals sprach man von Grünräumen, sozialer Durchmischung und guter Erreichbarkeit. Was scheiterte, war selten das ursprüngliche Konzept, sondern dessen Umsetzung unter politischem Druck. Die erzwungene Verdichtung der Gropiusstadt steht exemplarisch dafür.

Die entscheidende Frage lautet deshalb heute nicht, ob die neuen Konzepte besser sind. Die Frage ist, ob es gelingt, die formulierten Grundsätze auch dann zu halten, wenn Kosten steigen und Zeitpläne unter Druck geraten. Eine belastbare Antwort kann Berlin erst geben, wenn die neuen Quartiere bewohnt sind.

Neues Gartenfeld, Buckower Felder, Schumacher Quartier: Berlins neue Großsiedlungen

Wie die neuen Großsiedlungen aussehen, kann man schon heute auf den Buckower Feldern sehen, die kürzlich fertiggestellt wurden. Auch ganz im Westen Berlins entsteht mit dem Neuen Gartenfeld ein Wohnquartier für zukünftig 10.000 Menschen, in Pankow entstehen gleich mehrere Großprojekte, eines davon ist das Quartier „Blankenburger Süden„.

Berlin baut also wieder groß – doch die Erfahrungen aus Gropiusstadt, Märkischem Viertel und Marzahn wirken bis heute nach. Sie erinnern daran, dass Quartiere nicht allein durch Architektur funktionieren, sondern durch Infrastruktur, soziale Angebote und politische Verlässlichkeit. Die neuen Stadtteile werden daher auch zu einem Test für die Lernfähigkeit der Berliner Stadtplanung.

 

Quellen: Bezirksamt Neukölln, Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Quartiersmanagement Berlin, Berliner Mieterverein e. V., BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen, Tagesspiegel, degewo, WÖHR + BAUER

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