Was darf, was muss, was soll geschützt werden – und was nicht? Der Umgang mit Berliner Baudenkmalen offenbart häufig tiefe Gräben zwischen Bewahrung, Pragmatismus und gestalterischer Zukunft. Wir zeigen fünf ausgewählte Projekte, in denen der Denkmalschutz maßgeblichen Anteil an der Modernisierung historischer Gebäude und Komplexe beteiligt ist.

Zwischen Denkmalpflege und städtischem Umbau liegt oft nur eine schmale Grenze. An fünf Berliner Beispielen zeigt sich, wie umstritten, kreativ – und manchmal blockierend – Denkmalschutz heute sein kann. Hier abgebildet ist das Projekt „Wilhelmine“, welches Projektentwickler Trockland in Schöneweide modernisieren will. / © Foto: Trockland Management GmbH

© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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Berlin ist eine Stadt mit außergewöhnlich dichter Geschichte. Ihre Straßenzüge, Plätze und Bauten erzählen von Preußentum und Kaiserzeit, vom NS-Regime, vom Wiederaufbau in Ost und West, von Teilung, Umbruch und Erneuerung. Der Denkmalschutz hat in dieser komplexen Gemengelage die Aufgabe, die historischen Schichten sichtbar und erfahrbar zu halten.

Doch diese Rolle wird zunehmend hinterfragt – nicht zuletzt angesichts ökologischer und sozialer Herausforderungen, die heute andere städtebauliche Prioritäten erfordern. Ob Bauprojekte scheitern, weil denkmalgeschützte Substanz nicht verändert werden darf, oder ob aufwendige Rekonstruktionen als Rückschritt empfunden werden; immer häufiger stellt sich die Frage, wie viel Schutz das bauliche Erbe einer sich wandelnden Metropole wie Berlin tatsächlich braucht.

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Denkmalschutz in Berlin: Wieviel Schutz braucht das bauliche Erbe?

Wie unterschiedlich die Antworten auf diese Frage ausfallen können, zeigen zwei Berliner Projekte, die in jüngster Zeit beispielhaft für den Umgang mit dem baukulturellen Erbe stehen – eines umstritten, das andere vielfach gelobt. Der runderneuerte Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte wurde im Frühjahr 2025 nach zweijähriger Bauzeit feierlich wiedereröffnet.

Für 21 Millionen Euro entstand eine modernisierte Platzfläche mit barrierefreier Gestaltung, restaurierter Ausstattung und verbesserter Infrastruktur. Doch die Wiederherstellung des historischen Platzrasters löste eine heftige Debatte aus. Denn viele Berlinerinnen und Berliner kritisierten die weitgehende Versiegelung und den Verzicht auf Bäume, wodurch die Anlage als „Steinwüste“ empfunden wird.

An welcher Epoche muss, darf oder soll sich der Denkmalschutz orientieren?

Besonders umstritten ist die Orientierung an einer Platzgestaltung, die ab 1936 im Zeichen nationalsozialistischer Stadtplanung entstand. Diese wurde in der DDR ab den 1970er Jahren teils rekonstruiert und 2021 schließlich unter Denkmalschutz gestellt. Kritiker monieren, dass durch diese Entscheidung ein ideologisch geprägtes Erbe konserviert wird, während frühere, grünere Platzgestaltungen keine Berücksichtigung finden. Ein Exemplar für die Frage: Welche historischen Epochen sind schützenswert – und welche nicht?

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Anders gelagert, aber nicht weniger aufschlussreich ist der Umgang mit einem Ensemble aus der Industriegeschichte im Osten Berlins: der neue Gewerbecampus am Postbahnhof in Berlin-Friedrichshain.

Bewahrer gegen Erneuerer? Architekt Christoph Langhof fordert längst einen offensiveren Denkmalschutz

Auf einem ehemals brachliegenden Areal wurde ein Ensemble geschaffen, das denkmalgeschützte Industriearchitektur mit zeitgemäßer Nutzung verbindet. Elemente wie das historische Bahnviadukt, ein Wasserturm und eine alte Drehscheibe wurden behutsam restauriert und in die neue Nutzung integriert. Moderne Büro- und Gewerbeflächen entstanden in direkter Anbindung an die bestehenden Strukturen.

Die Architektur der Neubauten greift gestalterische Merkmale der Umgebung auf – etwa in Materialwahl und Proportion – ohne sich der Altbausubstanz unterzuordnen. Damit wird die Geschichte des Ortes nicht konserviert, sondern weitergeschrieben.

Wie gelingt die Verbindung moderner und historischer Gebäude am besten?

Die Verbindung von denkmalgeschützten Gebäuden und modernen Ergänzungen hat auch Architekt Christoph Langhof im Kopf, der kürzlich mit seinem aufsehenerregenden Vorschlag von zwölf Wohntürmen entlang des Tempelhofer Flughafengebäudes an die Öffentlichkeit herantrat. Die Reaktionen auf seinen Entwurf waren sehr unterschiedlich.

Immerhin sollen auf diese Weise rund 5.000 Wohnungen entstehen und sinnvolle Nutzungen in die historischen Hangars integriert werden: Schulen, Kitas, Sportflächen, Einzelhandel – in Holzbauweise. Kaum ein Projekt kommt in Berlin ohne den Spannungsbogen zwischen Moderne und Denkmalschutz aus, und Lösungen werden oft auf ganz unterschiedlichem Wege gefunden, manchmal gar nicht.

Langhofs Tempelhof-Entwurf ist nicht die einzige Denkmalschutz-Kontroverse in Berlin, wie jüngst auch das Beispiel SEZ in Friedrichshain wieder bewiesen hat, denn in diesem Fall hat das Landesdenkmalamt den Denkmalschutz verwehrt. Wir stellen fünf ausgewählte Projekte und ihre Herausforderungen vor.

Umbau: So soll das modernisierte Naturkundemuseum aussehen

© Visualisierung: GMP mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten

Das historische Naturkundemuseum Berlin an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte soll in den kommenden Jahren für rund 660 Millionen Euro modernisiert, umgebaut und erweitert werden. Das Museum ist das größte Naturkundemuseum in Deutschland. Die Bestände umfassen heute mehr als 30 Millionen Objekte.

Wegen der großen Bedeutung des Naturkundemuseums für die nationale und internationale Wissenschaftslandschaft und nicht zuletzt als Touristenattraktion haben der Bund und die Berliner Landesregierung bereits vor fast zehn Jahren entschieden, den Museumsstandort an der Invalidenstraße auszubauen und neu zu entwickeln. Dabei sollen vor allem auch die Sammlungen, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs in den Kellerräumlichkeiten des Museums lagern, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Projekt wird zum städtebaulichen Kraftakt werden – mehr Informationen dazu gibt es hier.

Eine Kulturikone im Umbau: Wie sich das Pergamonmuseum bis 2037 verändern wird

© Visualisierung: Kleihues + Kleihues Gesellschaft von Architekten mbH

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte im März 2023 mit einem überraschenden und völlig unerwarteten neuen Zeitplan für die Sanierung und den Umbau des historischen Pergamonmuseums aufgewartet. Zuerst einmal wurde verkündet, dass das Museum im Oktober 2023 für die kommenden vier Jahre komplett geschlossen wird, was schließlich auch erfolgt ist. Die Fertigstellung der Sanierung von Nord- und Mittelflügel, die derzeit läuft, ist zwar für das Jahr 2025 vorgesehen, doch erst im Frühjahr 2027 soll dieser Teil des Museums dann wieder für den regulären Betrieb öffnen.

Noch viel länger geschlossen bleiben wird allerdings der Südflügel des Museums, der bis dahin nicht Teil der Sanierungsarbeiten war. Hier gehen die Experten von einer etwa 14-jährigen Bauzeit aus, währenddessen der Museumsteil nicht zugänglich sein wird. Derzeit plant die Stiftung, die Umbauarbeiten bis 2036 fertigzustellen und diesen Teil des historischen Gebäudes ab 2037 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die nun startende Hauptsanierung des Pergamonmuseums umfasst die Grundinstandsetzung des Südkopfs, des Südflügels mit der Prozessionsstraße von Babylon und dem Ischtar-Tor sowie des Mittelbaus Süd mit dem Miletsaal. Ergänzt wird das Museum um einen vierten Flügel, der einen durchgehenden Rundgang durch die antiken Architekturexponate ermöglicht.

Mehr Infos zum Umbauprojekt auf der Museumsinsel gibt es hier.

Aufwendiger Umbau der historischen Victoriahöfe in Berlin-Kreuzberg

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Nach mehreren Jahren intensiver Bauarbeiten ist die aufwendige Sanierung der denkmalgeschützten Victoriahöfe in der Lindenstraße in Berlin-Kreuzberg mittlerweile weitgehend abgeschlossen worden. Drei der ursprünglich zwölf Höfe des historischen Ensembles sind bis heute erhalten geblieben und bilden das Zentrum des neuen Nutzungskonzepts.

Die Sanierung stellte hohe Anforderungen an alle Beteiligten: Historische Elemente wie die 130 Meter lange Natursteinfassade, Stuckverzierungen und die imposante Uhr wurden mit großer Sorgfalt restauriert, während gleichzeitig moderne Technik, Schallschutzfenster und ein neues Energiekonzept integriert wurden.

Eine besondere Herausforderung war die statisch aufwendige Aufstockung um ein fünftes Geschoss sowie die Montage einer neuen, 20 Meter weit spannenden Kuppel über dem Haupteingang. Zur Lindenstraße hin wurden die Fassadenarbeiten mittlerweile fertiggestellt, letzte Arbeiten laufen noch in den Innenhöfen des Gebäudekomplexes. Doch die ersten Mieter sind bereits im frisch sanierten Gebäude eingezogen.

Mehr zum Projekt an der Lindenstraße könnt Ihr hier nachlesen.

Geschichte trifft Gegenwart: Wie der Grenzsteg auf der Spree zur Kulturmeile werden soll

Grenzhafen Visualisierung

© Visualisierung: GMH / &MICA

Der Plan, den einstigen Grenzsteg zwischen Treptow und Kreuzberg in einen Ort der Erinnerung und Kultur zu verwandeln, ist einen Schritt weiter. Im Werkstattverfahren zur Entwicklung des Projekts setzte sich das Berliner Büro Wilk Salinas Architekten durch. Der Entwurf überzeugte nach Angaben der Jury durch größere Realisierungschancen und bessere Abstimmung mit den zuständigen Behörden.

Die Architekten sollen das Konzept nun weiter ausarbeiten, mit dem Ziel, noch 2025 einen Bauantrag einzureichen. Nach Einschätzung der Projektverantwortlichen könnte bei reibungslosem Ablauf bereits im Frühjahr 2026 eine Genehmigung vorliegen.

Der rund 480 Meter lange Steg, der sich zwischen Oberbaum- und Elsenbrücke über die Spree zieht, war 1962 als Wassersperre errichtet worden. Anlass war die Flucht eines Ausflugsschiffs in den Westen, die von den DDR-Behörden unterbunden werden sollte. Auf dem Steg befand sich auch ein Wachturm. Jahrzehntelang blieb die Anlage ein Symbol der Teilung und weitgehend unzugänglich. Das Projekt „Grenzhafen Berlin“ soll den Steg als Denkmal bewahren und zugleich mit neuen Funktionen beleben. Geplant sind ein Museum zur innerdeutschen Grenze, ein Museumshafen mit historischen Schiffen sowie Flächen für Veranstaltungen und Gastronomie.

Weitere Details zum Vorhaben findet Ihr hier.

Vergessenes Kulturhaus wird neuer Hotspot: Die Rückkehr der „Wilhelmine“

© Visualisierung: Trockland Management GmbH

Wo einst getanzt und gefeiert wurde, entsteht bald ein neuer Ort für Hotel, Gastronomie, Gewerbe und urbanes Arbeiten: Das Kulturhaus „Wilhelmine“ in Oberschöneweide wird reaktiviert. Mitten in Berlins Industriekulisse wächst ein Projekt, das Geschichte und Zukunft miteinander verbindet. Umgesetzt wird das ambitionierte Vorhaben vom Projektentwickler Trockland.

Dabei soll der ursprüngliche Charakter des historischen Ensembles, welches seit der Wende zunehmend verfällt, erhalten bleiben. Denn bis auf einige inoffizielle Zwischennutzungen ist in dem bemerkenswerten,1913 eröffneten Altbau seit dem Mauerfall nicht viel passiert. Auch zukünftig soll es in dem Gebäude wieder Veranstaltungen und Gastronomie geben. Dafür soll der große Saal im Kulturhaus reaktiviert und für moderne Anforderungen ertüchtigt werden. Zudem sollen im Gebäude Flächen für ein Hotel sowie Co-Working-Bereiche entstehen.

Insgesamt werden im Gebäude rund 6.900 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung stehen, davon werden rund 980 Quadratmeter für gastronomische Angebote genutzt werden. Diese sollen auch auf Außenterrassen eingerichtet werden, auch mehrere Dachterrassen sind geplant.

Mehr über die „Wilhelmine“ könnt Ihr hier nachlesen.

 

Quellen: Stiftung Preußischer Kulturbesitz, GMP Architekten, Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten, Kleihues + Kleihues Gesellschaft von Architekten mbH, tga-praxis.de, BG Bau Portal, GBP Architekten, Cresco Capital Victoriahöfe Berlin, GMH, &MICA, Stiftung Museumshafen, Trockland Management GmbH, Bruno Fioretti Marquez Architekten, RBB, Architektur Urbanistik Berlin, Deutsches Architektur Forum

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2 Kommentare

  1. Dirk Thiele Galizia 27. September 2025 at 10:24 - Reply

    In Doitschen Reich ist soviel schon abgerissen Köln die hässlichste Millionenstadt Europas.Berlin reißt die Max Reinhardt Theater ab in Halle werden 500 Jahre alte Fachwerk Häuser weggeballert in Kulmbach und Landshut auch .Demente Orte Kroitz Hässlichste

  2. Löwe 11. Oktober 2025 at 16:32 - Reply

    Bei den vorgestellten Objekten scheint es sinnvoll zu sein sie zu erhalten. Wer kommt auf die Idee ein Museum abzureißen? Leider wird aus dem Artikel nicht klar wo hier etwas nicht bewahrt werden sollte. Die Museen weil sie vielleicht Raubkunst ausstellen? Der Steg im Wasser fällt hier ein bisschen aus dem Rahmen aber das Konzept klingt auch okay.

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