In Wilmersdorf plant die landeseigene Berlinovo den Bau von 282 Apartments für Studierende und junge Berufstätige. Für das Vorhaben müssen mehrere Kleingärten weichen, die zuletzt als „Klimainsel Wilmersdorf“ zwischengenutzt wurden. Das Projekt spaltet den Bezirk, zwischen Wohnraumbedarf und Verlust wertvoller Grünflächen.

Dichte Sträucher, Obstbäume und offene Gemeinschaftsbereiche prägen die ehemalige „Klimainsel Wilmersdorf“, die bis 2025 als nachbarschaftlicher Erholungs- und Lernort diente. Die Szene macht den stadtökologischen Wert der Fläche sichtbar und verweist zugleich auf den bevorstehenden Verlust durch die geplante Bebauung für Studierendenapartments. / © Foto: Depositphotos.com
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© Foto Titelbild: BUND Berlin e.V.
Die Berlinovo hat ihre Pläne für ein achtstöckiges Gebäude mit 262 Apartments für Studierende sowie 20 weiteren Wohnungen für Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler in der letzten BVV-Sitzung in Charlottenburg-Wilmersdorf vorgestellt. Hinzu kommen rund 50 Kitaplätze.
Dafür sollen Teile der Kleingartenanlage „Am Stadtpark I“ bebaut werden, deren 13 Parzellen bereits 2023 geräumt worden waren. Zugleich hat das Unternehmen nun den Bauantrag eingereicht. Die Pläne wurden im Stadtentwicklungsausschuss präsentiert, wo sie auf Zustimmung, aber auch auf deutliche Kritik stießen.
„Klimainsel Wilmersdorf“: Zwischennutzung der Initiative „Haus der Nachbarschaft“ endet nach zwei Jahren
Nach dem Ende der Kleingartennutzung wurde das Gelände zwei Jahre lang als „Klimainsel Wilmersdorf“ betrieben. Die Initiative Haus der Nachbarschafft e. V. nutzte die Parzellen für Feste, Workshops, Bildungsangebote und als öffentlich zugänglichen Treffpunkt. Die Fläche bot Erholung, Kühlung und Gemeinschaftsorte für den Kiez.
Mit dem Auslaufen des Zwischennutzungsvertrags zum 30. September 2025 musste die „Klimainsel“ jedoch schließen. Die Initiative erklärte, sie sei „sehr traurig“, wolle aber weiter für grüne Erholungsorte im Quartier kämpfen.
Ökologische Bedeutung: Naturschutzverbände betonen „Klimainsel“ als wichtigen Hitzeschutzort
Aus Sicht des BUND ist das Vorhaben ein schwerer Eingriff in die Stadtnatur. Auf der Fläche befinden sich dutzende Obstbäume, Beerensträucher und Hecken sowie zahlreiche Wildtiere. Messungen belegen zudem eine Abkühlungsleistung von mehr als drei Grad Celsius, ein wichtiger Faktor in einem Bezirk, der stark von Hitzeperioden betroffen ist.
Gleichzeitig betonen die Aktivistinnen und Aktivisten, die „Klimainsel“ habe gezeigt, wie bürgerschaftliches Engagement soziale Teilhabe und ökologische Funktionen verbinden könne. Ähnliche Orte müssten gesichert und nicht versiegelt werden.
Politische Debatte in Wilmersdorf: Bezirksamt verweist auf Baurecht und fehlende Alternativen
Politisch wird das Vorhaben unterschiedlich bewertet. Mehrere Fraktionen kritisieren zwar den Verlust des Stadtgrüns, zugleich verweisen sie aber auf den hohen Bedarf an Studierendenwohnungen. Der Standort liegt in unmittelbarer Nähe zur Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) und gilt planungsrechtlich seit Jahrzehnten als Bauland.
Bezirksstadtrat Christoph Brzezinski erklärte gegenüber der taz, dass alternative Flächen nicht geprüft worden seien. Berlinovo dürfe ausschließlich auf eigenen Grundstücken bauen, auch wenn es in der Umgebung mehrere bereits versiegelte landeseigene Areale gebe, die aus Sicht der Initiative besser geeignet wären. Zudem habe die Fläche planungsrechtlich immer als Bauland gegolten; eine nachträgliche Umwidmung wäre, so Brzezinski, ein „enteignungsgleicher Eingriff“. Gleichzeitig betonte er, der Bezirk begrüße die Schaffung dringend benötigter Studierendenwohnungen in unmittelbarer Nähe zur Hochschule für Wirtschaft und Recht.
Debatte um Mietpreise: Sind die neuen Apartments für Studierende bezahlbar?
Ein weiterer Konfliktpunkt ist die Miethöhe. Nach Angaben aus der Bezirksverordnetenversammlung sollen die Apartments etwa 25 Euro pro Quadratmeter kosten. Die Linken-Politikerin Frederike-Sophie Gronde-Brunner kritisierte laut Tagesspiegel, diese Preise seien für viele Studierende nicht bezahlbar. Sie forderte stattdessen die Umnutzung leerstehender Bürogebäude.
Unklar bleibt, wann die Bauarbeiten tatsächlich beginnen. Berlinovo möchte bereits im ersten Quartal 2026 vorbereitende Maßnahmen starten, während das Bezirksamt eher von einem Baubeginn im Oktober 2026 ausgeht.
„Klimainsel Wilmersdorf“ bleibt trotz Räumung ein bedeutender Ort für Hitzeschutz und Nachbarschaft
Auch wenn die Zwischennutzung beendet ist, hat die „Klimainsel“ sichtbare Spuren im Quartier hinterlassen. Noch im Juli 2024 hatte das Bezirksamt sie als wichtigen Erholungs- und Lernort hervorgehoben, gerade vor dem Hintergrund heißerer Sommer, für die Berlin inzwischen Hitzeschutzpläne und öffentliche Schutzräume bereitstellt. Der Kühlungsgarten bot Nachbarinnen und Nachbarn einen Ort zum Ausruhen und Treffen sowie Einblicke in die ökologische Bedeutung urbaner Grünflächen.
Gleichzeitig bleibt der Grundkonflikt bestehen. Berlin braucht dringend neuen Wohnraum, doch dafür verschwinden immer häufiger stadtökologisch wertvolle Freiflächen. Wie die Stadt künftig mit solchen Arealen umgeht, dürfte weit über Wilmersdorf hinaus richtungsweisend sein.
Quellen: BUND Berlin e.V., Der Tagesspiegel, taz, Haus der Nachbarschafft e. V., Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf
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Der kleine Grünbereich ist schon lange keine Kleingartenanlage mehr. Das Gelände war Block 4 der Kleingartenkolonie „Am Stadtpark I“. Der Kleingartenpachtvertrag für diese Fläche wurde durch den Eigentümer zum 30. November 2023 gekündigt und an den Eigentümer am 29. November 2023 zurückgegeben. Man hatte dann Freiwilligen den Bereich zur vorübergehenden Nutzung als „Klimainsel“ überlassen. Auch diese vorübergehende Nutzung ist jetzt bereits beendet.
Und das ist auch gut. Die gesamte Umgebung ist von dichtem Grün umgeben. Über den ökologischen Nutzen von Kleingärten könnte man ohnehin länger diskutieren. Gut, dass endlich der Bauantrag gestellt wurde. Die Bebauung ist in Ansehung des generellen Wohnraummangels, hier insbesondere auch des Mangels an bezahlbaren Studentenwohnungen, drängend sein.