Blockrand, Parzelle und Traufhöhe: Hans Stimmann formulierte klare Leitlinien für die Entwicklung der Berliner Innenstadt. Eine Konferenz widmete sich nun seinem Wirken, seinen politischen Auseinandersetzungen und seinem städtebaulichen Vermächtnis.

Fachleute aus Architektur, Stadtplanung und Politik diskutierten bei der Konferenz „Stimmanns Stadt. Werk und Wirkung“ über das Vermächtnis des Berliner Stadtplaners Hans Stimmann. / © AIV
© Titelbild: IMAGO / Rolf Zöllner
Die Konferenz am 3. und 4. September 2026, eine gemeinsame Veranstaltung des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg (AIV) und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, hatte sich zum Ziel gesetzt, das Werk und die Wirkung des von 1991 bis 2006 in Berlin agierenden Senatsbaudirektors Hans Stimmann zu würdigen.
Hans Stimmann war am 30. August 2025 in seiner Heimatstadt Lübeck verstorben. Die große Anzahl interessierter Architekten, darunter auch solche, die ihn nicht persönlich kannten, hörte aufmerksam den Ausführungen der an der Konferenz als Redner teilnehmenden Wegbegleiter Hans Stimmanns zu.
Hans Stimmann: Prägende Figur der Baupolitik im wiedervereinigten Berlin
Hans Stimmann wirkte in einer Zeit als Senatsbaudirektor, in der sich Berlin nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung in einem Ausnahmezustand befand.
Mit seiner Baupolitik formulierte er klare städtebauliche Leitlinien und forderte mit dem „Planwerk Innenstadt“ die Rückkehr zur europäischen Stadt: Blockrand, Parzelle, Traufhöhe sowie die Rückbesinnung auf die Geschichte der Stadt und den historischen Stadtgrundriss.
Nach dem Mauerfall: Berliner Architekturstreit
Dieses Spannungsfeld führte zu heftigen Debatten innerhalb der Architekturwelt, nicht nur in Berlin, sondern auch in Deutschland und im Ausland. Dies gipfelte im „Berliner Architekturstreit“, in dem heftig über Architektur und Städtebau, speziell über die kulturelle Ausrichtung eines vereinten Deutschlands nach dem Wegfall der Grenzen des Eisernen Vorhangs, diskutiert wurde.
An der Debatte beteiligt waren vor allem Architekten, Städtebauer und Kulturhistoriker. Sie gipfelte in einer Vielzahl von Konzepten und Ansätzen für den Wiederaufbau Berlins.
Architekturdebatte erreicht die breite Öffentlichkeit
In den großen Tageszeitungen und Magazinen der 1990er-Jahre wurden diese Ideen und Konzepte veröffentlicht und führten zu einer intensiven öffentlichen Diskussion.
Einige der damaligen Protagonisten der intensiv geführten Debatten waren bei der Konferenz anwesend und lieferten ihren Beitrag zu Hans Stimmanns Vermächtnis.
Potsdamer Platz und das Leitbild der dichten Stadt
Ein großes Thema war damals der Wettbewerb „Potsdamer Platz“. Generell vertrat Hans Stimmann die Position, dass eine Stadt dicht, gemischt – mit Wohnen und Gewerbe – sowie alltagsnah zu bauen sei. Er hielt nichts von ikonischen Solitären und sogenannten „Tabula-rasa-Planungen“.
Wegbegleiter und vertraute Mitarbeiter beschreiben Hans Stimmann in seiner Position als Senatsbaudirektor als zeitweise aufbrausend und leidenschaftlich, aber auch durchaus bedacht.
Einer seiner markantesten Wesenszüge war wohl, dass er seine Visionen besser ausdrücken konnte als irgendein anderer Stadtbaudirektor seiner Epoche. Hans Stimmann hatte die Vision, urbane Räume, Gebäude und Straßenzüge auf dem Stadtgrundriss zu entwickeln.
Gegenpol zur Charta von Athen
Städtebaugeschichtlich war Stimmanns Vision ein Gegenpol zu den modernen Prinzipien der 1933 entstandenen Charta von Athen (CIAM): einer offenen, fließenden Stadtlandschaft mit freistehenden Hochhäusern und Autobahnen, die sich durch die Parks schlängeln.
Auch Hans Stimmann war anfangs von dem im CIAM-Stil erbauten Hansaviertel im Berliner Tiergarten angetan und schwärmte von diesem signifikanten und modernen Städtebau.
Schwarzpläne und europäische Stadt
Später wandte er sich jedoch der europäischen Stadt zu. Diese Hinwendung wird in einer Reihe von Schwarzplänen deutlich, die die verschiedenen Stadien der Berliner Innenstadt mit den Kriegs- und Nachkriegszerstörungen erkennen lassen. Anschließend zeigen diese Pläne die von Stimmann erdachten künftigen Stadträume einer allmählich wieder zusammenwachsenden Stadt.
Diese Schwarzpläne waren auf der Biennale 2000 in Venedig ausgestellt. Kein anderer Stadtbaudirektor hatte es zuvor zustande gebracht, seine Stadtpläne auf einer internationalen Bauausstellung zu präsentieren.
Hans Stimmann: Planer, Verwalter und Politiker
Hans Stimmann konnte nicht nur Konzepte entwickeln, planen und erfinderisch sein, sondern auch verwalten, delegieren und politisch aktiv sein.
Er war Sozialdemokrat und hatte in den 15 Jahren seiner Tätigkeit als Senatsbaudirektor und Staatssekretär einige Kämpfe auszufechten. Dabei zeichneten ihn seine offene, fachbezogene und zielgerichtete, jedoch stets auf die Sache bezogene Sprache aus.
Diskursforen
Stimmann war Pragmatiker und entwickelte seine Inspirationen zu konkreten Themen weiter, aus denen in den 1990er-Jahren die Diskursforen entstanden. Die unfertige und im Wandel begriffene Stadt, die Mitte 1991 zur Bundeshauptstadt gewählt wurde, zog daraus einen maximalen und fachlich fundierten Nutzen.
Im Vergleich zu anderen Senatsbaudirektoren hatte Hans Stimmann die Gabe, aus dieser Diskursbereitschaft heraus seine Ansichten und Überlegungen niederzuschreiben. Das war neu in diesem Amt. Seine Veröffentlichungen und Vorträge trugen dazu bei, dass er durch diese Präsenz zu einem der führenden Stadtplaner Deutschlands aufstieg.
Politischer Rückhalt
Der ehemalige Senator für Stadtentwicklung, Peter Strieder, betonte in seinem Vortrag, dass der Sozialdemokrat Hans Stimmann bei all seinen Entscheidungen politische Rückendeckung gehabt habe. Diese habe er sowohl vom jeweiligen Senator als auch von der Koalitionsfraktion und bei der einen oder anderen Entscheidung vom Berliner Abgeordnetenhaus erhalten.
„Ohne politisches Selbstverständnis und um wirkmächtig zu sein, muss dieses Amt politisch besetzt sein, ansonsten fehlt der politische Rückhalt“, so Strieder weiter.
Internationale Bauausstellung 1984-87 als Meilenstein
Die IBA 1984–1987 in Berlin war für Hans Stimmann ein Meilenstein bei der Herausarbeitung heutiger städtebaulicher Leitlinien.
J. P. Kleihues und viele der damaligen Mitstreiter entwickelten daraus ein städtebauliches Programm, dem sich Hans Stimmann verpflichtet fühlte.
Stimmanns vier Grundsätze für die Stadtentwicklung
Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, bestand die Quintessenz dieses Programms aus vier Schwerpunkten: die Stadt erhalten, Gebäude nicht abreißen, den Stadtgrundriss rekonstruieren und Baulücken mit moderner Architektur schließen.
Basierend auf diesen Grundsätzen und den Erfahrungen aus der Nachkriegsmoderne, der gescheiterten Flächensanierung und den positiven Ergebnissen der IBA 1987 zog Hans Stimmann seine Lehren und gestaltete so die Stadtbaupolitik mit.
Kritik an seiner Baupolitik
Seine Grundsätze zur Gestaltung der Stadt riefen nicht wenige Kritiker auf den Plan und bescherten ihm teilweise unangemessen heftigen Gegenwind.
Seine Überzeugungen zur Beteiligung von mehr privaten Bauherren, zu kleineren Grundstücken (Parzellen), zum Festhalten am Stadtgrundriss und zur Berücksichtigung der Historie führten dazu, dass die Kritiker ihn als rückwärtsgewandt und zu stark historisierend bezeichneten.
Heftige Angriffe im Architekturstreit
Beim Planwerk Innenstadt unterstellte man Hans Stimmann sogar revanchistische Motive. Jens Bisky führte in seinem Vortrag aus, mit welchen Beschimpfungen Stimmann konfrontiert wurde – etwa „Neu-Teutonia“, „Sarrazin der Stadtplanung“ und „Stadtcholeriker“.
Aber Stimmann blieb standhaft und hielt an seinen Überzeugungen fest.
Kritische Rekonstruktion der europäischen Stadt
Dies war für Stimmann eine programmatische Leitlinie, von der er nicht abwich und die er als Bühne für die demokratischen und sozialstaatlichen Institutionen sowie den gesellschaftlichen Fortschritt sah.
Diese Position und seine Sicht auf die europäische Stadt vertrat Hans Stimmann entschieden und oft lautstark.
Stimmann als Streitfigur der Berliner Politik
Peter Strieder beschrieb in seinem Vortrag, dass Stimmanns Streitbarkeit die Berliner CDU derart genervt haben soll, dass der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen 1996 die Koalitionsvereinbarung mit der SPD damit legitimiert habe, „dass man Stimmann endlich los sei“.
Dabei konnte Diepgen nicht ahnen, dass Peter Strieder Hans Stimmann kurze Zeit später zum Staatssekretär ernennen würde. Zur politischen Kultur gehörte jedoch auch, dass Diepgen Hans Stimmann zu dessen 60. Geburtstag trotzdem im Roten Rathaus empfing.
Planwerk Innenstadt
Dieter Hoffmann-Axthelm erinnerte in seinem Vortrag an das „Planwerk Innere Stadt“ und betonte, dass dies ohne Stimmann nicht möglich gewesen wäre. Im Grundsatz ging es darum, die beiden Stadthälften nach dem Fall der Mauer zusammenzubringen. Das ging nur über das historische Zentrum, sodass die Aufgabe darin bestand, die Projektplaner beider Seiten auf eine gemeinsame Architekturphilosophie zu verpflichten.
Zuvor glaubte man, dass sich die Innenstadt von allein entwickeln würde, was sie jedoch nicht tat. 1996 stellte man fest, dass es kein Bild von einer Innenstadt gab, das geeignet war, Investoren und Bauherren zu gewinnen.
Ein Leitbild für die Berliner Innenstadt
Also brauchte man ein Bild für eine Gesamtentwicklung, und das lieferte das Planwerk Innenstadt. Hans Stimmann sah vor, dieses Projekt innerhalb der Zollmauer von 1730 zu verwirklichen.
Dadurch wurden kontroverse Diskussionen in der Stadt und auch in konkurrierenden Senatsbereichen ausgelöst, die zum Teil in üblen Beschimpfungen ausarteten. Letztendlich, so Hans Stimmann selbst, sei das Planwerk Innenstadt gescheitert.
Stimmanns Vermächtnis
Ob es mit Hans Stimmann die heutige Fixierung beim Bauen auf die sogenannten Stadtquartiere am Stadtrand gegeben hätte, ist fraglich. Eher wohl nicht, denn er hätte darauf bestanden, dass neue Wohnmaschinen und seelenlose Quartiere nicht die Lösung, sondern eher eine Zumutung seien, so Peter Strieder als enger Wegbegleiter Stimmanns.
Hans Stimmann hätte wahrscheinlich eher auf die Potenziale des Planwerks Innenstadt verwiesen und gesagt, dass die Stadt nicht neu erfunden, sondern weitergebaut werden sollte.
Eine prägende Haltung zur Berliner Stadtentwicklung
Trotz der anstrengenden und herausfordernden Zeit als Senatsbaudirektor der Stadt kann man annehmen, dass Hans Stimmann Berlin geliebt hat. Er liebte jedoch auch Lübeck, seine Heimatstadt, in der er ein kleines Reihenhaus geerbt hatte.
Und er fühlte sich besonders zu einer Person in Lübeck hingezogen: Thomas Mann, dem Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger. Dessen Werke und Aufenthaltsorte beschäftigten ihn, und wenn die Sprache darauf kam, konnte Hans Stimmann auch ganz anders sein: nachdenklich und träumerisch.

Hans Stimmann prägte als Berliner Senatsbaudirektor die Stadtentwicklung nach der Wiedervereinigung maßgeblich. Sein Leitbild der europäischen Stadt beeinflusst die Debatten über Architektur und Städtebau bis heute. / © Foto: IMAGO / Rolf Zöllner
ESMT Berlin (Veranstaltungsort)
Quellen: Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (AIV)
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