Berlin will Metropole sein, verhält sich aber oft wie eine Stadt im Dauerzweifel. Große Aufgaben werden zerredet, kleine Schritte blockiert. Zeit, diesen Zustand nicht länger zu akzeptieren. ENTWICKLUNGSSTADT formuliert zehn Wünsche an und für Berlin, die sich 2026 erfüllen sollen. Auf geht’s, Berlin!

Die immer wieder hervorgeholte Erzählung der Freiheitsmetropole, die die Teilung überwunden hat, wird Berlin nicht ewig tragen. Wer jede Veränderung fürchtet, bewahrt nicht die Stadt, sondern ihren Stillstand. Berlin braucht mehr Mut zur Gestaltung und weniger Angst vor dem Neuen. / © Foto: Depositphotos.com
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© Foto Kai Wegner: IMAGO / Bernd Elmenthaler
Berlin braucht kein weiteres Konzept, sondern einen Realitätsschock. Zu lange hat sich die Stadt damit begnügt, Probleme zu beschreiben, statt sie zu lösen. 2026 könnte, nein sollte das Jahr werden, in dem Berlin den eigenen Stillstand ernst nimmt.
Die Baustellen sind bekannt; sie liegen in den Amtsstuben, auf den Straßen und in der Stadtentwicklung. Was häufig noch fehlt, ist der Mut, Prioritäten zu setzen und sie auch durchzuhalten. Die folgenden zehn Wünsche für das Neue Jahr 2026 sollten deshalb nicht als Wunschzettel verstanden werden, sondern als Prüfstein. Für Politik, Verwaltung und den Gestaltungswillen dieser Stadt.
Erster Wunsch: Berlin beginnt 2026 (endlich) mit der wichtigen Verwaltungsreform
Berlin wagt (hoffentlich und endlich) die große Reform: Nach jahrzehntelanger Kritik an der ineffizienten Verwaltung soll ab 2026 endlich Schluss mit dem Zuständigkeits-Wirrwarr sein. Kai Wegner verspricht klare Zuständigkeiten und das Ende des Behörden-Ping-Pongs. Doch die Reform fordert nicht nur neue Strukturen, sondern auch einen tiefgreifenden Kulturwandel. Wichtig wäre vor allem, dass 2026 mit der konkreten Umsetzung begonnen wird, nachdem bislang nicht mehr als ein Konzeptpapier herausgekommen ist.
Zweiter Wunsch: Umsetzung des Schneller-Bauen-Gesetzes
Zum Ausklang des Jahres gab es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen – wieder einmal – wenig begeisternde Zahlen, zumindest was den Bau landeseigener Wohnungen angeht. Denn die eigenen Zielvorgaben konnte der Berliner Senat abermals nicht erreichen und blieb unter den Erwartungen. Doch das Bautempo soll in Berlin ja schon längst beschleunigt werden. Wie Prozesse gestrafft und Bauvorhaben schneller realisiert werden sollen, stellte Bausenator Christian Gaebler (SPD) bereits 2024 im Rahmen der EXPO Real Estate in München vor. Bislang merkt man, zumindest von außen, wenig vom Bauturbo. Es wäre also an der Zeit, ihn nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch anzuwenden.
Dritter Wunsch: Berlin findet einen festen Standort für die neue ZLB
Seit Jahrzehnten wurden Standorte für den Neubau (oder Umbau bestehender Gebäude) diskutiert, um Berlins Zentral- und Landesbibliothek, heute aufgeteilt auf zwei Standorte, an einem Ort in der Hauptstadt zusammenzuführen. Viele Szenarien der Vergangenheit wurden nicht realisiert; Im Humboldt Forum sollte sie einziehen, ein neues Gebäude auf dem Marx-Engels-Forum oder am Rande des Tempelhofer Feldes war diskutiert worden, auch eine Erweiterung der Amerika-Gedenk-Bibliothek am Blücherplatz war für mehrere Jahre eine konkrete Option. Zuletzt scheiterte der mittlerweile zurückgetretene Kultursenator Joe Chialo (CDU) mit seiner Idee, die ZLB in den Galeries Lafayette in der Friedrichstraße unterzubringen. Derzeit wird ein Umzug der ZLB ins Kaufhaus Galeria am Alexanderplatz erwogen, doch auch dies scheint nicht sicher. Es wäre Berlin zu wünschen, dass das jahrzehntelange Hin und Her in 2026 endlich aufhört und die Bibliothek einen festen Standort erhält.
Vierter Wunsch: Beim Wiederaufbau des Molkenmarkts mehr Kreativität wagen

© Visualisierung: Hild und K, München / Happel Cornelisse Verhoeven, Rotterdam / Modersohn & Freiesleben, Berlin // Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen
Eines der meistdiskutierten Stadtentwicklungsprojekte der vergangenen Jahre ist der geplante Wiederaufbau des Molkenmarktes, der nun Stück für Stück Gestalt annimmt, zumindest virtuell. Die Jury hatte im November 2025 die Siegerteams für die ersten Wohn- und Gewerbebauten am Molkenmarkt benannt und damit die nächste Entwicklungsphase eingeläutet. Die prämierten Entwürfe waren nicht zum Haare raufen, allerdings auch nicht der ganz große Wurf. Mit dem Start eines zweiten Realisierungswettbewerbs werden nun konkrete architektonische Entwürfe für weitere Teilbereiche des künftigen Quartiers gesucht. Im Fokus stehen bezahlbares Wohnen, Nutzungsmischung und der sensible Umgang mit der Geschichte des Ortes. Es wäre wünschenswert, wenn die Entwürfe, die die beteiligten Architektenteams einreichen, etwas mutiger, kreativer und anspruchsvoller wären – und von der Jury letztlich auch berücksichtigt werden.
Fünfter Wunsch: Fortführung der Sanierung der Komischen Oper
Die Renovierung eines der bedeutendsten Opernhäuser Berlins liegt derzeit weitgehend auf Eis. Die Komische Oper, ein Juwel der Berliner Kulturszene, sieht sich mit unsicheren Finanzierungsperspektiven konfrontiert. Der Berliner Senat ringt um eine Lösung, die den Spagat zwischen kulturellem Anspruch und knappen Haushaltsmitteln meistern muss, eine Herkulesaufgabe. Eine Fortführung der Sanierung der Komischen Oper ist ungeachtet dessen für die Berliner Kulturlandschaft enorm wichtig. Berlin verfügt über eine der weltweit reichsten Kulturlandschaften und zieht damit zahlreiche Touristen an, was auch dem Berliner Haushalt zugutekommt. Schließlich ist Berlin die einzige Stadt weltweit, die über drei große Opernhäuser verfügt – ein Alleinstellungsmerkmal, das auch zukünftig Bestand haben soll. Hier ist der Berliner Senat also gefragt, ein Finanzierungskonzept für die Weiterführung des aufwendigen Umbaus auf die Beine zu stellen. Immerhin steht das Opernhaus nicht in der Berliner Peripherie sondern am Boulevar Unter den Linden.
Sechster Wunsch: Sechs Fahrspuren für die Elsenbrücke
Die Elsenbrücke bleibt trotz intensiver Arbeiten ein verkehrlicher Engpass. Eine kurzfristige Maßnahme, bei der ein bestehender Radweg vorübergehend als zusätzlicher Fahrstreifen genutzt werden sollte, wurde letztlich nicht eingeführt. Der Fokus richtet sich nun vollständig auf den Neubau. Nach derzeitiger Planung soll der erste neue Brückenteil immerhin schon Ende Januar 2026 teilweise in Betrieb gehen. Dadurch stünden wieder zwei Spuren je Richtung zur Verfügung, wodurch sich die aktuelle Leistungsfähigkeit der Brücke deutlich erhöhen würde. Im Sommer dieses Jahres sollen schließlich drei Fahrspuren eröffnet werden. Für die aktuelle Staufalle an der Elsenbrücke soll diese Maßnahme zum erhofften Befreiungsschlag führen, was den betroffenen Autofahrern und vor allem den Anwohnern sehr zu wünschen wäre.
Siebter Wunsch: Mehr Kreativität und Mut beim Wohnungsbau
Zu nah an der Bahntrasse, zu nah an der Straße, zu dicht am Industriegebiet, Probleme mit dem Artenschutz oder zu strenge Denkmalschutzvorgaben: In Berlin gibt es immer viele Gründe, warum an der einen oder anderen Stelle kein Wohnungsbau zulässig oder möglich ist. Dabei braucht die Stadt noch immer nichts dringender als Wohnungen. So wünscht man sich beim Thema Wohnungsbau mehr Kreativität und mehr Mut. So wird derzeit geprüft, ob ein bislang rein gewerblich orientiertes Projekt wie die „Urbane Mitte“ nicht auch Wohnungen beherbergen kann, trotz der Nähe zu zwei umliegenden Bahntrassen. Dass man dafür nicht exorbitant kreativ sein muss, zeigen Projekte wie die „Friedenauer Höhe“ oder das Wohnprojekt am Eisenhutweg in Johannisthal. Hier haben simple Schallschutzkonzepte den Bau von mehreren tausend neuen Wohnungen ermöglicht, direkt neben der Stadtautobahn. Das darf nicht die Ausnahme bleiben, sondern schreit nach Nachahmung, denn Berlin braucht Wohnungen.
Achter Wunsch: Politischer Rückhalt für EXPO 2035 und Olympia-Bewerbung

© Visualisierung: EXPO 2035 Berlin GmbH
Sowohl die Initiative Global Goals Berlin als auch der Berliner Landessportbund versuchen derzeit, mit viel Engagement, Empathie und vor allem in Eigenregie, eine Begeisterung in der Stadt für die Themen Weltausstellung („EXPO 2035„) und Olympia-Bewerbung zu entfachen, um der Bevölkerung klar zu machen, wie sehr man auch als Normalbürger von solchen Großereignissen profitieren kann und wie aktiv man sich einbringen kann, vor allem beim Thema EXPO. Die Berliner Politik jedoch lässt, merkwürdigerweise, bei beiden Themen die Begeisterung vermissen. Für das Thema Olympia gibt es immerhin lose Lippenbekenntnisse, ohne dass Berlins Olympiabeauftragter Kaweh Niroomand bislang ein konkretes Konzept hätte präsentieren können. Bei der EXPO scheint der Berliner Senat gespalten, Kai Wegner scheint kein großer Fan des Projekts zu sein. Dabei braucht Berlin großformatige Aufgaben, um die wichtigen Zukunftsaufgaben der Stadt anschieben zu können – und Gelder zu generieren, die ohne solche Projekte nicht zu generieren sind. Also, lieber Herr Wegner, geben Sie sich einen Ruck! Berlin braucht mehr Vision, weniger Festhalten an Althergebrachtem!
Neunter Wunsch: Keine falsche Angst vor neuen Formen der Mobilität
Ander Städte und Länder haben es in den vergangenen Jahren längst vorgemacht und neue Formen der Mobilität installiert, die in Berlin bereits vor Jahrzehnten getestet und sogar im Alltagsbetrieb waren, schließlich aber wieder verworfen wurden, wie etwa die „M-Bahn„, die erste Magnetbahn auf Berliner Boden, die in den 1980er Jahren im damaligen Westteil Berlins ihren Ursprung hatte. Mittlerweile scheint es in Berlin fast einem Skandal gleichzukommen, wenn Politiker die Einführung neuer Transportmöglichkeiten wie Magnetbahn, Seilbahn oder auch der in China längst etablierten „ART“-Technologie vorschlagen (Anm. d. Red.: „ART“ bezeichnet ein hybrides Verkehrsmittel, das wie ein Bus auf Gummireifen fährt, aber die Kapazität einer Straßenbahn hat und autonom gesteuert wird). Zuletzt holte sich Verkehrssenatorin Ute Bonde eine blutige Nase für ihren Vorschlag, in Berlin eine Magnetbahn realisieren zu wollen. Woher die Empörung darüber kommt, da althergebrachte Verkehrsmittel wie S-Bahn und Straßenbahn längst an ihre Kapazitäts- und Technologiegrenzen stoßen, erscheint oft schleierhaft. Berlin ist seit 25 Jahren im 21. Jahrhundert und sollte auch die Verkehrsplanung endlich dementsprechend angehen.
Zehnter Wunsch: Stadtentwicklung als Chance begreifen, nicht als Bedrohung
Stadtentwicklung wird in Berlin häufig als Risiko, Konflikt oder Zumutung verhandelt, passende Beispiele gibt es viele: Das Bauvorhaben „Pankower Tor„, die Modernisierung des Jahnsportparks, die Umnutzung des SEZ-Areals als Wohnquartier, die Weiterentwicklung des Tempelhofer Feldes, der Weiterbau der A100. Neue Bauprojekte, Nachverdichtung oder infrastrukturelle Veränderungen gelten schnell als Bedrohung für Bestehendes, selten als Möglichkeit für Verbesserung. Dabei entscheidet die Art der Kommunikation maßgeblich über Akzeptanz und Beteiligung. Wenn Stadtentwicklung konsequent als Chance für mehr Wohnraum, bessere Infrastruktur und höhere Lebensqualität vermittelt wird, kann sie Unterstützung statt Widerstand erzeugen. Berlin täte gut daran, den Fokus stärker auf das Potenzial von Veränderung zu legen, und weniger auf die Angst vor ihr.
Quellen: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, CommerzReal AG, Hild und K, Happel Cornelisse Verhoeven, Modersohn & Freiesleben, kadawittfeldarchitektur, EXPO 2035 Berlin GmbH, Landessportbund Berlin, Graft Architects, Global Goals Berlin
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