Mit „Warum so negativ, Berlin?“ nimmt ENTWICKLUNGSSTADT-Chefredakteur Björn Leffler in seiner Freitagskolumne wichtige Stadtentwicklungs-Themen der Hauptstadt unter die Lupe. Heute widmet er sich der Olympia-Bewerbung und fragt sich, warum viele Berlinerinnen und Berliner eigentlich so skeptisch sind. Schließlich sind Sport-Großveranstaltungen genau das, was Berlin am allerbesten kann – das haben die vergangenen 25 Jahre gezeigt.

Olympia in Berlin – warum eigentlich nicht? Das findet jedenfalls ENTWICKLUNSSTADT Chefredakteur Björn Leffler. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Es gibt mit Sicherheit viele Dinge, die andere deutsche Großstädte besser können als Berlin, unbestritten. Sport-Großveranstaltungen allerdings gehören nicht dazu. Denn Berlin ist, ganz entgegen der Eigenwahrnehmung vieler Berlinerinnen und Berliner, eine international anerkannte Sportmetropole erster Güte.
Derzeit jagt eine Meinungsumfrage die nächste, und die Medien stürzen sich wie wild darauf, um schnell zu verkünden: „Mehrheit der Berliner ist gegen Olympia!“ Der RBB befragte kürzlich einige Menschen auf der Straße dazu, und viele sagten fast wortwörtlich: „Ich wäre dafür, aber ich glaub, Berlin kann’s nicht.“
Olympia in der Hauptstadt: Berliner schauen wie ein scheues Reh darauf
Die Frage ist nur, woher kommt diese Angsthaltung, scheu wie ein Reh am Waldesrand zu stehen, völlig verunsichert, ob die eigene Stadt sowas denn könne. Denn wenn Berlin eines in den vergangenen 25 Jahren bewiesen hat, ist es, dass große, globale Sportevents hervorragend organisiert werden.
Ein paar Beispiele gefällig? Lassen wir mal das jährliche DFB-Pokalfinale und den Berlin-Marathon weg – beides Veranstaltungen, die der Stadt jährlich zusammen einen dreistelligen Millionenbetrag bescheren. Aber die nehmen wir jetzt einfach mal so mit.
Fußball-WM, Leichtathletik-WM, Champions League Finale und NFL-Game
2006 wurde in Deutschland die Fußball-WM ausgetragen, mit Berlin als Finalstandort und einer riesigen Fanmeile vor dem Brandenburger Tor, 2009 lief Usain Bolt während der Leichtathletik-WM im Olympiastadion einen Fabel-Weltrekord. 2015 trafen sich der FC Barcelona und Juventus Turin zum Champions League Finale in Berlin.
2016 gastierte wieder die Leichtathletik in Berlin, mit der stark besuchten Europameisterschaft, 2023 waren es die Special Olympics und 2024 die Fußball-EM, mit sechs Spielen im Olympiastadion, samt Finale natürlich. Allein das letzte Turnier bescherte der Hauptstadt eine Stadtrendite von mehr als einer halben Milliarde Euro, trotz großer Unkenrufe im Vorfeld.
Und zuletzt, im November 2025, wurde das global übertragene NFL-Game der Indianapolis Colts gegen die Atlanta Falcons im Olympiastadion ausgetragen, es gab mehr als eine halbe Million Ticketanfragen, das Event war von vorn bis hinten hervorragend durchorganisiert und war eine großartige Berlin-Werbung, die weltweit über die Bildschirme lief?
So, what’s the Point? Das Olympia-Großformat passt ideal zur Metropole Berlin
So, what’s the Point? Die Hauptstadtregion hat an vielen Stellen mit den viel zu großen Fußstapfen zu kämpfen, die die Baumeister vergangener Epochen der Stadt hinterlassen haben: Flughafen Tempelhof, ICC oder das riesige Bogensee-Areal fallen einem hier schnell ein.
Olympia hingegen ist ein Format, das aufgrund seiner Größe hervorragend zu Berlin passt, denn viele Dinge, die eine Stadt wie Hamburg erst schaffen müsste, sind in Berlin längst da. Neben dem Stadion und der Verkehrsinfrastruktur geht es ja auch um Hotelkapazitäten.
Weltweit gibt es nur 10 Städte mit 30 Mio. Übernachtungen jährlich – Berlin ist eine davon
Es gibt weltweit nur zehn Städte, die mehr als dreißig Millionen Übernachtungen aufweisen können, zehn Städte – und Berlin gehört dazu. Kein Wunder also, dass die Berliner Wirtschaft nicht müde wird, zu betonen, dass Olympia für Berlin eine riesige Chance wäre. Auch die Berliner Profivereine (ALBA, Union, Hertha, Füchse, Volleys und Eisbären) stehen hinter der Bewerbung.
Das Hauptargument der Berlinerinnen und Berliner gegen Olympische Spiele ist allerdings – wie immer – das Geld. Berlin sei pleite, Berlin könne sich das nicht leisten. Dabei ist eine Olympia-Bewerbung eine nationale Angelegenheit, die vom Bund gesteuert wird. Olympia ist kein lokales Projekt, das Städte wie München, Hamburg oder Berlin allein bewältigen müssen, denn neben Berlin wären noch andere Sportstätten im gesamten Bundesgebiet Teil des Konzepts.
Nicht der Berliner Senat organisiert Olympia, sondern die Bundesregierung
Und zugleich würde Berlin an Gelder kommen, die ohne eine Olympia-Bewerbung schlicht und ergreifend nicht in Reichweite stehen, der Bund würde Millionen in Berlins Infrastruktur investieren, lange geplante Projekte könnten massiv beschleunigt werden.
Außerdem arbeitet Berlin schon heute an neuen Sportstätten, die im Zuge der Olympia-Bewerbung ein großes Pfund sein könnten: im Jahnsportpark entsteht ein zusätzliches Leichtathletik-Stadion, Union erweitert die Alte Försterei – und vorhandene Sportstätten wie Uber Arena, Velodrom oder Max-Schmeling-Halle kann die Stadt zusätzlich in die Waagschale werfen, schon heute. Sie sind schlicht und ergreifend schon da.
Am Ende profitiert auch der Breitensport von Olympia in Berlin
Und am Ende würde dadurch auch die Berliner Sportlandschaft profitieren, was sich auch an einem einfachen Beispiel festmachen lässt. Das Mommsenstadion im Berliner Westend wäre ohne die EURO 2024 vermutlich noch immer in einem miserablen Zustand, doch im Vorfeld des Turniers machte der Berliner Senat mehrere Millionen Euro locker, um das denkmalgeschützte Stadion auf Vordermann zu bringen.
So hat der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf heute eine hochmoderne Anlage, die ohne ein solches Turnier nicht möglich gewesen wäre. Von Olympia würde also auch der Breitensport profitieren, denn die Athletinnen und Athleten benötigen schließlich hochmoderne Trainingsstätten, die anschließend für die Vereine nutzbar sind.
Die Vorteile, die für Berlin aus einer Olympia-Bewerbung entstehen, liegen auf der Hand. Und gleichzeitig wäre es für die Stadt der Freiheit die Möglichkeit, fast vier Jahrzehnte nach dem Mauerfall eine neue Geschichte zu erzählen, von einer jüngeren Generation, die ihre Stadt der Welt präsentieren kann. Also Berlin, warum so negativ? Trau Dir das zu. Du kannst das!
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4 Kommentare
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Kommt selten vor, aber ich stimme dem Geschriebenen hier absolut zu …..“So, what’s the point?“….Vielleicht liegt diese Verzagtheit darin, dass in vielen Köpfen diverse Volksabstimmungen umherschwirren, die mit negativem Bescheid durch den Souverän schon durch die Lande geritten sind. Deshalb Vorschlag zur Güte: 1.Laßt sowas einfach stecken und zieht es einfach durch. (Gibt dann sicherlich auch endlich das Flussbad vor dem Schloss-Was für eine Kulisse für die Schwimmwettkämpfe!)…. 2. Bewerbt euch nicht bloß nicht für 2036. Denn da weiß man schon jetzt, was für eine alles verhindernde Diskussion vom Zaun gebrochen wird… Insofern wäre es im Endeffekt doch perfekt: 2035 EXPO und 2040 Olympia…
Bogensee-Areal?… Dachte, das ist an Wandlitz gegangen…
Was wird wohl passieren wenn sich Berlin, die Stadt in der die global negativ besetzten Spiele von 1936 stattfanden, für Olympia 2036 bewirbt ? Antwort: Alle Welt wird sich fragen warum die Deutschen ein 100. Jubiläum zu den Nazi-Spielen wollen. Jede mediale Berichterstattung allein im Bewerbungsprozess wird Paralellen, Vergleiche zu den Hitler Spielen ziehen. Unweigerlich. Kann das IOC eine solche Negativ-Kampagne wollen ? Wohl Kaum. Sollte sich Deutschland so einer mit negativen Assoziationen gespickten Kampagne aussetzen ? Besser nicht. Muss sich Berlin, die Metropole die heute für viel Kultur und Kreativität steht einem Image-Vergleich mit dem Dritten Reich aussetzen ? DAS wäre das Dümmste was Berlin seit 1990 einfallen könnte ! Ich fordere eine EXPO-Bewerbung 2035 und eine Olympia-Bewerbung 2040 !
Berlin, mein armes Olympia-Reh
Ach, Berlin. Wieder einmal steht die Welt vor deiner Tür, goldene Ringe funkeln am Horizont – und du machst das, was du am besten kannst: schmollen. Da sitzen sie also, die Berlinerinnen und Berliner, zwischen unfertigen Baustellen, entgleisten S-Bahnen und kaputten Radwegen, und sollen glauben, sie könnten die Olympischen Spiele stemmen. Natürlich können sie – wie sie ja auch BER, A100, Stadtschloss und Wohnungsbau mit messianischer Geduld gemeistert haben.
Und da kommt nun der Herr Leffler vom Turm seiner Entwicklungsstadt herab und ruft: „Berlin, warum machste Dich so klein?“
Tja, vielleicht, weil Berlin nach jeder Großbaustelle gelernt hat, dass Größe hier meist mit Dauerbaustelle verwechselt wird.
Olympia passt „wie Faust aufs Auge“, schreibt er – und trifft damit unbeabsichtigt ins Schwarze: die Faust ist die Stadt, das Auge der Steuerzahler, und beides knallt traditionell ordentlich aufeinander. Natürlich kann Berlin Sportevents! Marathon, Special Olympics, Champions League Finale – klar. Nur dass man dort immerhin Eintrittskarten kaufen und wieder heimgehen konnte, ohne dass anschließend ein Milliardenloch im Stadtbudget klaffte.
Aber immerhin: Es wäre doch zu schön, der Welt noch einmal zu zeigen, wie man ein Stadion aus den 1930ern für 2036 fit trimmt, während man gleichzeitig überlegt, ob der ÖPNV bis dahin vielleicht bis Tegel fährt. Ein „Zeichen der neuen Generation“ wäre es, wie Leffler sagt – allerdings eines mit der Berliner Attitüde: Kiek ma einer an, wir ham’s wieder veerpennt.
Kurzum: Berlin ist nicht zu klein für Olympia. Es ist einfach zu ehrlich. Diese Stadt weiß, dass Glanz hier immer mit Bruchstellen kommt – und das macht sie so herrlich, so menschlich, so unfit für die große Pose. Lasst uns also ruhig weiterhin scheu am Waldesrand stehen. Besser ein skeptisches Reh, als wieder mal der Esel, der den Karren zieht.