Berlin will einen neuen Baustein für seine künftige Energieversorgung erschließen: die tiefe Geothermie. Umfangreiche Messungen und Probebohrungen sollen klären, wie viel Erdwärme im Untergrund tatsächlich nutzbar ist. Das Vorhaben ist ambitioniert und eng mit Fragen der Versorgungssicherheit verknüpft.

Trabrennbahn Mariendorf

In Berlin wird bereits auf der Trabrennbahn Mariendorf nach Erdwärme gebohrt. Dabei handelt es sich jedoch um oberflächennahe Geothermie. Die deutlich aufwendigere tiefe Geothermie soll erst in den kommenden Jahren systematisch erschlossen werden. / © Foto: Wikimedia Commons, Bodo Kubrak, CC BY-SA 4.0

© Titelbild: Carla Langner / Die Erdwärmebohrer
© Foto: Wikimedia Commons, Bodo Kubrak, CC BY-SA 4.0

ANZEIGE

 

Um bis spätestens 2045 klimaneutral zu werden, setzt Berlin verstärkt auf neue Wärmequellen. Eine Schlüsselrolle soll dabei die tiefe Geothermie spielen. Seit dem Sommer liegt eine bergrechtliche Erlaubnis vor, die geologische Erkundungen im gesamten Stadtgebiet ermöglicht. Die Senatsumweltverwaltung treibt diese nun konkret voran.

In Adlershof wird Geothermie bereits praktisch genutzt: Dort entsteht derzeit Deutschlands größter unterirdischer Wärmespeicher, der saisonale Überschusswärme für die Winterversorgung sichert. Nun sind großflächige Messungen und später Probebohrungen geplant, um das Potenzial des Berliner Untergrunds systematisch zu erfassen. Ziel ist es, künftig einen relevanten Anteil der Fernwärme aus Erdwärme zu gewinnen und so fossile Energieträger schrittweise zu ersetzen.

ANZEIGE

3D-Seismik in Berlin: Großflächige Messungen sollen Geothermie-Risiken minimieren

Kernstück der Vorbereitungen ist eine sogenannte 3D-Seismik. Auf einer Fläche von rund 675 Quadratkilometern, etwa drei Viertel des Stadtgebiets, soll der Untergrund mithilfe vibrierender Messfahrzeuge untersucht werden. Vergleichbare Untersuchungen gab es zwar bereits in anderen Städten, nicht jedoch in dieser Größenordnung und Dichte.

Betroffen sind alle zwölf Berliner Bezirke, teils vollständig, teils anteilig. Ziel der Messungen ist es, das sogenannte Fündigkeitsrisiko deutlich zu senken. Damit soll verhindert werden, dass spätere Bohrungen keine ausreichenden oder nutzbaren Wärmemengen liefern.

Probebohrungen für Erdwärme: Berlin sucht Partner für geothermische Erkundung

Ergänzend zur Seismik bereitet das Land Probebohrungen vor. Deren Planung ist komplex und dauert in der Regel rund zwei Jahre. Aktuell sucht Berlin Unternehmen, die sich finanziell an den Erkundungsbohrungen beteiligen und das Risiko mittragen, wie die Berliner Morgenpost berichtet.

ANZEIGE

Die ausgewählten Bohrgebiete verteilen sich bewusst über das Stadtgebiet. Vorrang haben Standorte mit bestehenden oder geplanten Wärmenetzen. So sollen die gewonnenen Erkenntnisse möglichst schnell in konkrete Projekte für die kommunale Wärmeversorgung übergehen.

Geothermie ab 2030: Potenzial für bis zu 20 Prozent des Berliner Wärmebedarfs

Wenn Messungen und Bohrungen erfolgreich verlaufen, könnten ab etwa 2030 erste geothermische Heizzentralen in Betrieb gehen. Fachleute gehen davon aus, dass langfristig bis zu 20 Prozent des Berliner Wärmebedarfs auf diesem Weg gedeckt werden könnten

Gleichzeitig bleibt offen, wie schnell und in welchem Umfang die Technologie tatsächlich greift. Tiefe Geothermie gilt als klimafreundlich, ist aber technisch anspruchsvoll und kapitalintensiv.

ANZEIGE

Versorgungssicherheit im Fokus: Geothermie als langfristiger Baustein für Berlins Energieinfrastruktur

Der Vorstoß in Richtung Geothermie fällt in eine Zeit, in der Berlins Energieinfrastruktur als verwundbar wahrgenommen wird. Jüngste Stromausfälle haben gezeigt, wie abhängig die Stadt von zentralen Netzen ist. Dezentralere Wärmequellen wie Geothermie könnten langfristig zur Stabilisierung beitragen.

Kurzfristig löst Erdwärme diese Probleme jedoch nicht. Sie ist ein langfristiges Projekt mit hohem Planungsaufwand. Berlin verfolgt damit dennoch einen strategischen Ansatz: mehr eigene, lokal verfügbare Energie und weniger Abhängigkeit von fossilen Importen.

 

Quellen: Berliner Morgenpost, Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt

Jetzt PLUS-Kunde werden

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.

Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.