Der Anschlag auf den Christopher Street Day hat Berlin erschüttert. Doch er kann nicht verdecken, was diese Stadt gerade im Sommer ausmacht: Millionen Menschen feiern hier Freiheit, Vielfalt und ein Lebensgefühl, das in Deutschland einzigartig ist.

Der Christopher Street Day gehört mit rund 1,5 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu den größten Veranstaltungen Berlins und steht weltweit für Offenheit, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt. / Foto: IMAGO
© Foto Titelbild: IMAGO, Emmanuele Contini
Der Schock sitzt tief. Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day hat eine friedliche Großveranstaltung überschattet, die für Offenheit, Vielfalt und Freiheit steht. Viele Menschen trauern, andere sind verunsichert; und doch wäre es falsch, diesen Tag zum neuen Bild Berlins werden zu lassen.
Denn Berlin ist mehr als die Tat eines Einzelnen. Berlin ist die Stadt, in der sich jedes Jahr Millionen Menschen auf Straßen und Plätzen begegnen – nicht aus Angst, sondern aus Neugier, Lebensfreude und dem Wunsch, gemeinsam etwas zu erleben. Gerade in den Sommermonaten zeigt sich diese Stadt von einer Seite, die in Deutschland ihresgleichen sucht.
Berlin wird im Sommer zu einer völlig anderen Stadt
Es gibt in Deutschland kaum eine Metropole, die sich innerhalb weniger Monate so stark verändert wie Berlin. Wer die Stadt nur aus dem November kennt, kennt sie eigentlich gar nicht.
Im Winter wirkt Berlin oft rau, grau und verschlossen. Der Wind fegt über breite Straßen, Parks wirken leer, die Fassaden erscheinen kühl. Viele Besucherinnen und Besucher fragen sich dann wohl häufig, warum Menschen aus aller Welt ausgerechnet hier leben möchten.
Dann kommt der Sommer.
Plötzlich sitzt die halbe Stadt am Landwehrkanal, badet im Schlachtensee, tanzt auf Freiflächen, grillt in Parks oder trifft sich auf einem der unzähligen Straßenfeste. Aus der spröden Hauptstadt wird eine offene, fast mediterrane Metropole, allerdings ohne ihre Ecken und Kanten zu verlieren.
Berlin: Eine Stadt, die Freiheit nicht nur verspricht, sondern lebt
Berlin ist nicht perfekt. Die Stadt ist laut, manchmal chaotisch, oft improvisiert und selten geschniegelt. Wer makellose Plätze, säuberlich-polierte Innenstädte und ein homogenes Stadtgefühl sucht, wird sich in München, Stuttgart oder Hamburg vermutlich schneller zuhause fühlen.
Genau darin liegt aber das Berliner Paradox.
Viele Menschen kommen nicht trotz dieser Unvollkommenheit hierher, sondern gerade deswegen. Berlin lässt Freiräume. Die Stadt wirkt manchmal unfertig, manchmal widersprüchlich – und genau das schafft Möglichkeiten, die andernorts längst verschwunden sind.
Diese Haltung ist historisch gewachsen. Kaum eine europäische Hauptstadt musste sich so oft neu erfinden wie Berlin. Teilung, Mauerfall, Brachen, Zwischennutzungen und Subkultur haben eine Mentalität entstehen lassen, die Freiheit häufig höher bewertet als Perfektion.
Millionen Menschen zeigen jedes Jahr, wie lebendig Berlin geworden ist (und bleibt)
Wer behauptet, Berlin sei langweilig geworden, hat die vergangenen Sommer offenbar nicht erlebt. Allein beim Christopher Street Day feierten in diesem Jahr rund 1,5 Millionen Menschen friedlich für Vielfalt und Gleichberechtigung, bevor der Anschlag das Fest überschattete.
Auch der Karneval der Kulturen zieht jedes Jahr zuverlässig Hunderttausende Besucher an. Der 1. Mai wiederum hat sich mittlerweile grundlegend verändert. Wo in den 1980er- und 1990er-Jahren Bilder von Straßenschlachten das Bild bestimmten, dominieren heute Musik, Straßenfeste und junge Menschen, die den Tag gemeinsam feiern.
Diese Entwicklung erzählt viel über Berlin. Die Stadt ist nicht zahmer geworden; sie hat gelernt, ihre Energie anders auszudrücken.

Internationale Konzerte und Festivals locken jeden Sommer Hunderttausende Besucherinnen und Besucher nach Berlin. Die Hauptstadt zählt zu den bedeutendsten Open-Air-Standorten Europas. / Foto: IMAGO
Weltstars, Festivals und Freiräume machen Berlin zum Sommermagneten
Kaum eine andere deutsche Stadt verfügt über eine vergleichbare Infrastruktur für Großveranstaltungen.
Die Open-Air-Saison der Olympiastadion Berlin GmbH lockte mit Konzerten internationaler Stars wie Bruno Mars, den Foo Fighters, Metallica, System of a Down, Helene Fischer oder den Toten Hosen sowie dem populären Lollapalooza Festival nahezu 700.000 Besucher an.
Im kommenden Jahr sollen mehrere Konzerte von Ed Sheeran und Harry Styles erneut Hunderttausende Menschen nach Berlin bringen. Zusätzlich zu den üblichen Konzerten im Olympiastadion werden diese zwei Superstars rund zehn Shows auf dem Tempelhofer Feld spielen.
Hinzu kommen die Waldbühne mit internationalen Künstlern und den Berliner Philharmonikern, die Parkbühne Wuhlheide, der runderneuerte Gendarmenmarkt mit dem Classic Open Air und in wenigen Wochen die Rave the Planet Parade, die erneut Zehntausende Menschen auf die Straße des 17. Juni locken dürfte.
Kurz darauf folgt bereits der Berlin-Marathon, bei dem jedes Jahr rund eine Million Zuschauer entlang der Strecke stehen und Läufer aus aller Welt feiern.
Berlin lebt von seiner Weite – und von seiner Vielfalt
Was Berlin dabei von vielen anderen Metropolen unterscheidet, ist nicht allein die Zahl der Veranstaltungen.
Es ist die Größe der Stadt. Ihre Parks. Ihre Seen. Ihre ehemaligen Industrieflächen. Tempelhofer Feld, Mauerpark, Treptower Park, Gleisdreieck, Museumsinsel, Spreeufer oder Holzmarkt; überall entstehen im Sommer Orte, die nicht geplant wirken, sondern wachsen.
Zwischen Weltstars im Olympiastadion, improvisierten DJ-Sets am Kanal, Freiluftkino, Open-Air-Theater, Flohmarkt und Picknick liegen oft nur wenige U-Bahn-Stationen.
Diese Gleichzeitigkeit der immensen kulturellen Möglichkeiten macht Berlin einzigartig.

Ob Konzerte, Festivals oder Sportveranstaltungen – Berlin verfügt über Veranstaltungsorte, die regelmäßig Hunderttausende Menschen zusammenbringen. Das Olympiastadion zählt dabei zu den wichtigsten Event-Locations der Hauptstadt. / Foto: IMAGO / STAR-MEDIA
Eine Stadt mit zwei Gesichtern: Genau das macht ihren Reiz aus
Vielleicht verlieben sich deshalb so viele internationale Gäste gerade im Sommer in Berlin. Künstlerinnen wie Dua Lipa oder Robyn haben die Stadt immer wieder als Inspirationsort beschrieben und ihre Begeisterung öffentlich geteilt. Berlin wirkt dann wie eine europäische Weltstadt mit einer Leichtigkeit, die man in Deutschland nur selten findet.
Wer dann allerdings im Januar nach Berlin zurückkehrt, erlebt beinahe eine andere Stadt. Doch genau darin liegt ihre Besonderheit. Berlin ist keine Kulisse. Berlin verändert sich mit den Jahreszeiten; manchmal rau, manchmal widerspenstig, manchmal überwältigend schön.
Der Anschlag vom Samstagabend hat gezeigt, wie verletzlich offene Gesellschaften sind. Er darf aber nicht darüber entscheiden, wie wir diese Stadt sehen. Denn Berlin bleibt vor allem das, was Millionen Menschen Jahr für Jahr hier suchen: ein Ort der Freiheit, der Vielfalt und der Möglichkeit. Eine Stadt, die gerade im Sommer beweist, dass sie weit mehr ist als ihre Schlagzeilen.

Festivals wie das Lollapalooza prägen den Berliner Veranstaltungssommer und ziehen Gäste aus Deutschland und aller Welt an. Sie stehen exemplarisch für die außergewöhnliche kulturelle Vielfalt der Hauptstadt. / Foto: © Wikimedia Commons, iZilla at flickR (CC0 1.0 Universal)
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6 Kommentare
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Berlin war schon immer vielfältig. Nur dieser fast schon manische regenbogen-fokus auf „Vielfalt“ (die dort ja keineswegs gegeben ist) ist provinziell und peinlich. Berlin sollte einfach zu seiner natürlichen Vielfalt stehen, aber eben auch konsequenter Personen abschieben die sich nicht benehmen können. Sowas wie „gesunder Menschenverstand“ wäre tatsächlich hilfreich.
🏳️🌈♥️=gesunder Menschenverstand
Wie steht die RegenbogenCommunity eigentlich zum politischen Islam (der hier nach wie vor ungehindert einwandern darf und – eine Frage der Zeit, sofern keine Korrektur angestrebt wird – irgendwann in unserem Land politische Relevanz erlangen dürfte)? Sind für die unangenehmen Realitäten nur die Rechten zuständig? Wo ist da der gesunde Menschenverstand der RegenbogenCommunity?
Die berechtigte Stärke Ihres Beitrages ist, dass Sie eine wichtige Frage nach dem Umgang der LGTBQ+-Community mit islamistischen bzw. religiös-konservativen Positionen stellen. Allerdings wird der Beitrag durch Pauschalisierungen unnötig schwach. „Der politische Islam“, „die Regenbogen Community“ und „die Rechten“ sind keine homogenen Blöcke. Die Behauptung , der politische Islam dürfe „ungehindert einwandern“ und werde zwangsläufig politische Relevanz erlangen, bleibt unbelegt. Und „gesunder Menschenverstand“ ist kein Argument, sondern eine rhetorische Abwertung Andersdenkender. „Unangenehme Realitäten“ gehören keiner politischen Richtung, sie sachlich anzusprechen ist weder ein Privileg der Rechteb noch ein Grund, andere pauschal für blind oder naiv zu erklären. Wenn Sie ernsthaft diskutieren möchten, sollten Sie konkrete Probleme und Akteure bennen, statt mit pauschalen Feindbildern zu arbeiten.
Der politische Islam (Muslimbrüder,Salafisten,u.ä.) ist nicht in Deutschland entstanden, sondern mit den Millionen von Muslimen nach Deutschland eingewandert. Mir ist nicht bekannt, dass diesem Problem in irgendeiner Art und Weise bei der nach wir vor hohen Zahl muslimischer Einwanderung von behördlicher Seite Rechnung getragen wird. Auch werden abschiebungswürdige Gefährder nach wie vor keineswegs konsequent abgeschoben. Das Problem des politischen Islam in Deutschland wird sich daher perspektivisch verschärfen. Dass nun insbesondere linke Parteien nicht gewillt sind, dieses Problem anzuerkennen und zu lösen, das läßt sich kaum bestreiten. Natürlich gibt es auch einen politischen Islam in Deutschland, der linksliberal ausgerichtet ist. Seine politische Bedeutung ist aus quantitaven Gründen aber unbedeutend. In der muslimischen Gesellschaft spielt er keine große Rolle, er ist dort kaum verankert. Deshalb meine ich mit „politischem Islam“ die politische Ausrichtung des Islam, die einerseits relevant und andererseits perspektivisch enormes Konfliktpotential für unser Land bereithält. Wer naiv ist, der kann da gerne die Augen vor verschließen. Das Problem konstruktiv anzugehen wäre allerdings sinnvoller. Dabei möchte ich mich jedoch nicht auf die Parteien unserer bisherigen Bundesregierungen der letzten 60 Jahre verlassen. Warum auch, diese haben uns dieses Problem ja ins Land geholt (“ Wir wollten Arbeiter, aber es kamen Menschen“ … das ist der berühmt gewordene Politikersatz, der diese Naivität auf den Punkt bringt).
Man kann sich Probleme ins Land holen, oder man kann das bewußt vermeiden (wie einige osteuropäische Länder). Oder man kann naiv gewesen sein und dazulernen. Man kann die selbstgeschaffenen Probleme natürlich auch eine Zeit lang ignorieren. Gesunder Menschenverstand hat meiner Ansicht nach aber mit Hinwendung, sachlicher Analyse und lösungsorietiertem Handeln (ggfalls Korrektur) zu tun….
Der Hinweis, dass dieses und jenes kein „homogener Block“ ist, ist schulmeisterlich und überflüssig. Ich glaube doch, dass ich mich ausreichend verständlich ausgedrückt habe. Personen, die mich boshaft missverstehen möchten (!), können dies gerne tun. Sie können mir auch gerne irgendwelche Bosheiten unterjubeln, die sie meinen, bei mir erkannt zu haben. Wissen Sie was? Das kratzt mich nicht. Ich lege wert darauf, mich so zu äußern, wie ich es für richtig halte und wie mir lustig dazu ist. Wer mich missverstehen oder an mir schulmeisterlich rummäkeln möchte, der disqualifiziert sich doch selbst als Ko..ka..er!
Wer wissen will, wie es in der Berliner Politik so lang geht, sollte die Bücher von Mathew D. Rose lesen.
Der in den USA geborene und in Deutschland lebende investigative Journalist und Historiker hat sich seit den 1990er Jahren auf die Aufdeckung von Korruption und Vetternwirtschaft in Berlin („Berliner Filz“) spezialisiert.
Seine Publikationen konzentrieren sich auf politische Skandale, öffentliche Finanzen und die Verflechtung von Wirtschaft und Politik.
Das war auch der Grund für seine Entlassung beim Berliner TV-Sender SFB. (heute RBB)
Zu seinen wichtigsten Werken gehören:
Berlin. Hauptstadt von Filz und Korruption (1997, Droemer Knaur):
Ein Report über Klientelwirtschaft und Korruption in der deutschen Hauptstadt.
Eine ehrenwerte Gesellschaft. Die Berliner Bankgesellschaft (2003, Transit Buchverlag): Untersuchung des größten Bankenskandals in der Geschichte der Bundesrepublik.
Warten auf die Sintflut. Über Cliquenwirtschaft, Selbstbedienung und die wuchernden Schulden der Öffentlichen Hand (2004, Transit Buchverlag): Analyse der Ursachen für die Überschuldung des Landes Berlin.
Korrupt?: Wie unsere Politiker und Parteien sich bereichern – und uns verkaufen (2011, Heyne Verlag): Enthüllung der Finanzströme und Profitinteressen im politischen Betrieb.
Rose erhielt für seine Arbeit, insbesondere im Zusammenhang mit der Aufklärung des Berliner Bankenskandals, 2002 den 3. Preis beim Helmut-Schmidt-Journalistenpreis.