Berlin will seine Straßen grüner machen und die Stadt besser gegen Hitze schützen. Gleichzeitig sollen für Fernwärme, Straßenumbauten und neue Schulen zahlreiche alte Bäume weichen; fünf aktuelle Fälle zeigen einen wachsenden Zielkonflikt.
Heizkraftwerk Charlottenburg
Tempelhofer Damm
Ollenhauerstraße
Auerbacher Ring
Besselpark
© Titelbild: IMAGO / A. Friedrichs
Berlin will mehr Bäume pflanzen und die Stadt besser gegen Hitze, Trockenheit und Starkregen schützen. Gleichzeitig stehen an mehreren Orten alte Bestände zur Debatte. Mal geht es um Baustellenlogistik, mal um Verkehr, Schulbau oder Sicherheit. Die Fälle zeigen, wie schwierig Klimaschutz wird, wenn konkrete Bauprojekte Platz brauchen.
Heizkraftwerk Charlottenburg: Zehn Bäume für Baustellencontainer
Am Spreebord in Charlottenburg sollen zehn gesunde Rosskastanien gefällt werden. Die Berliner Energie und Wärme GmbH benötigt die Fläche für Baustellencontainer im Zuge der Modernisierung des Heizkraftwerks Charlottenburg.
Das Kraftwerk gilt als wichtiger Fernwärmestandort. Geplant sind unter anderem neue Gasturbinenanlagen und Elektro-Heißwassererzeuger. Die neuen Anlagen sollen 2028 in Betrieb gehen.
Der Konflikt wirkt deshalb besonders zugespitzt: Ein Energieprojekt zur Dekarbonisierung der Fernwärme gefährdet zugleich bestehende Bäume am Spreeufer. Ob die Fällung endgültig erfolgt, ist derzeit noch offen.

Für die Bauarbeiten am HKW Charlottenburg wurden Baucontainer an der Spree eingerichtet. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Tempelhofer Damm: Rund 60 Bäume gegen Verkehrsführung
Am Tempelhofer Damm verzögert sich die Sanierung weiter. Unter der Straße liegen alte Abwasserdruckleitungen der Berliner Wasserbetriebe. Auch der U-Bahn-Tunnel der U6 und weitere Leitungen spielen eine Rolle. Der Baubeginn wird derzeit frühestens im zweiten Halbjahr 2029 erwartet.
Im Zentrum steht die Frage, wie der Verkehr während der Bauzeit geführt wird. Die Senatsverwaltung will zwei Fahrstreifen je Richtung erhalten. Dafür müssten rund 60 Bäume auf dem Mittelstreifen gefällt werden. Die Senatsverwaltung begründet die Entscheidung mit weniger Umleitungsverkehr, weniger Lärm und einer besseren Emissionsbilanz während der Bauzeit.

Der Tempelhofer Damm soll umfassend erneuert werden. Hierfür müssen Bäume weichen. / © Foto: IMAGO / A. Friedrichs
Ollenhauerstraße: 116 Straßenbäume und ein neuer Radweg
In Reinickendorf geht es um den geplanten Straßenneubau der Ollenhauerstraße. Dort sollen 116 Straßenbäume gefällt werden. Der Baubeginn ist ab 2027 vorgesehen. Initiativen fordern den Erhalt der Bäume und verweisen darauf, dass sie nach eigenen Angaben gesund und im Schnitt 47 Jahre alt seien.
Streit gibt es auch um die Radverkehrsführung. Seit Herbst 2023 gibt es in Teilen der Straße bereits einen Radfahrstreifen. Die Planung sieht jedoch einen Hochbord-Radweg vor.
Damit wird die Ollenhauerstraße zu einem Grundsatzfall: Wie viel bestehendes Stadtgrün darf ein Straßenumbau kosten, wenn Berlin zugleich mehr Klimaresilienz erreichen will?

Entlang der Ollenhauerstraße prägen Straßenbäume und begrünte Mittelstreifen das Erscheinungsbild. Im Rahmen der Planungen für den Straßenneubau wird über die künftige Gestaltung des Straßenraums diskutiert. / © Foto: Wikimedia Commons, Oliver Wolters, CC BY-SA 3.0 DE
Schulneubau am Auerbacher Ring: Schulplätze gegen Grünzug
In Hellersdorf soll zwischen Auerbacher Ring und Maxie-Wander-Straße eine Integrierte Sekundarschule entstehen. Das Projekt gehört zur Berliner Schulbauoffensive. Für den Neubau sollen rund 60 Bäume eines gewachsenen Grünzugs weichen. Der Bezirk verweist auf den Bedarf an Schulplätzen.
Als Kompromiss stand unter anderem der Erhalt von 28 Bäumen entlang der Maxie-Wander-Straße im Raum. Inzwischen sprechen die Grünen Marzahn-Hellersdorf davon, dass im Zuge der vorbereitenden Maßnahmen bereits Bäume gefällt wurden. Das Bezirksamt habe dies mit den Anforderungen des Schulbaus begründet und zugleich Ausgleichspflanzungen vorgenommen.
Die Grünen kritisieren, dass sich aus ihrer Sicht durch eine angepasste Planung und veränderte Wegeführungen mehr alte Bäume hätten erhalten lassen. Mit einem Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung setzen sie sich dafür ein, die verbliebenen Bäume auf dem Schulgelände zu integrieren und dauerhaft zu sichern.

Straßenschilder am Auerbacher Ring und an der Maxie-Wander-Straße markieren den Standort des geplanten Schulneubaus in Berlin-Hellersdorf. Für das Bauprojekt wurden bereits Bäume gefällt, weitere Bereiche des Grünzugs stehen im Mittelpunkt der Debatte um Bauprojekte, Klima und den Erhalt von Stadtgrün. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Besselpark: 25 Bäume werden aus Sicherheitsgründen gefällt
Im Kreuzberger Besselpark geht es nicht um ein klassisches Bauprojekt, sondern um Verkehrssicherheit. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat nach einer Sonderkontrolle 25 Rotblühende Rosskastanien als nicht mehr verkehrssicher eingestuft.
Ursache ist ein fortgeschrittener Befall mit dem Bakterium Pseudomonas syringae pv. aesculi. Der Erreger schädigt Stamm, Kambium und Kronenstruktur. Viele Bäume wirken äußerlich noch vital, können aber innen bereits stark geschädigt sein. Rückschnitte reichen laut Bezirksamt nicht aus. Der BUND Berlin sieht Hinweise darauf, dass weitere Rosskastanien im Park betroffen sein könnten.

Im Besselpark in Kreuzberg weisen zahlreiche Rosskastanien sichtbare Schäden an Stamm und Rinde auf. Der Bezirk plant deshalb umfangreiche Baumfällungen. / © Foto: BUND Berlin Nicolas Šustr
Bäume, Bauprojekte und Klima: Berlins schwieriger Zielkonflikt
Die fünf Fälle unterscheiden sich deutlich. In Charlottenburg geht es um Baustellenlogistik, in Tempelhof um Verkehrsführung, in Reinickendorf um Straßenumbau, in Hellersdorf um Schulplätze und in Kreuzberg um Sicherheit.
Trotzdem führen sie zur gleichen Frage: Wie ernst nimmt Berlin den Schutz bestehender Bäume, wenn neue Bauprojekte oder akute Gefahrenlagen entstehen? Auch der geplante Umbau der Torstraße würde mehrere Baumfällungen zur Folge haben, ein ebenfalls hoch umstrittenes Bauvorhaben.
Wie ernst nimmt Berlin den Schutz vorhandener Baumbestände?
Das Berliner Klimaanpassungsgesetz erhöht den Druck zusätzlich. Berlin muss mehr Bäume pflanzen und vorhandenes Stadtgrün besser schützen. Genau daran werden Senat und Bezirke nun gemessen.
Denn ein neu gepflanzter Baum ersetzt nicht sofort die Kühlung, den Schatten und den ökologischen Wert eines alten Baumes. Für die Stadt wird deshalb entscheidend, ob sie Bauprojekte künftig früher mit Baumschutz, Ersatzpflanzungen und transparenter Abwägung verbindet.
Quellen: Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, LAGeTSI Berlin, BUND Berlin, Berliner Energie und Wärme GmbH, rbb24
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Zitat:“Geplant sind unter anderem neue Gasturbinenanlagen und Elektro-Heißwassererzeuger. Die neuen Anlagen sollen 2028 in Betrieb gehen.
Der Konflikt wirkt deshalb besonders zugespitzt: Ein Energieprojekt zur Dekarbonisierung der Fernwärme gefährdet zugleich bestehende Bäume am Spreeufer.“
Dekarbonisierung, weil anstatt Kohle nun Gas verheizt wird?
Zitat:“Obwohl Gaskraftwerke bei der Stromerzeugung weniger CO2 ausstoßen als Kohlekraftwerke, fällt ihre Klimabilanz dennoch schlecht aus. Der Hauptgrund dafür sind zusätzliche Methanemissionen entlang der gesamten Lieferkette. Besonders problematisch ist dies beim Einsatz von Fracking-Gas aus den USA, das durch Flüssiggasimporte einen zuletzt steigenden Anteil an der Gasversorgung in Deutschland einnimmt. “ https://www.bund.net/energiewende/erdgas/gaskraftwerke-in-deutschland/
Siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Kraftwerk_Charlottenburg
Siehe auch
Fraunhofer-Studie widerspricht Bundesregierung: Neue Gasheizung droht zur Fehlinvestition zu werden https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/fraunhofer-studie-widerspricht-bundesregierung-neue-gasheizung-droht-zur-fehlinvestition-zu-werden-15805830.html