Das Museum für Naturkunde Berlin steckt mitten in einer der größten Sanierungen seiner Geschichte. Bis 2035 soll das Hauptgebäude an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte grundlegend erneuert werden, ergänzt durch einen neuen Forschungs- und Sanierungsstandort in Adlershof. Was das baulich, inhaltlich und konzeptionell bedeutet, zeigt ENTWICKLUNGSSTADT in einer dreiteiligen Reihe.

Führung durch das Naturkundemuseum Berlin

Bei einer Baustellenführung durch das Naturkundemuseum in der Invalidenstraße führten Generaldirektor Prof. Johannes Vogel, Projektleiterin Selina Schultze sowie Geschäftsführer Stephan Junker (v.l.n.r.) durch das Haus und die aktuelle Baustelle im Westflügel. /  © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Visualisierung Titelbild: GMP mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekt

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Staub in der Winterluft, provisorische Wege durch ein Haus, das gleichzeitig Publikumsmagnet und Hochsicherheitsarchiv ist. Beim Rundgang mit Generaldirektor Prof. Johannes Vogel, Geschäftsführer Stephan Junker und Selina Schultze vom Baumanagement wurde schnell klar, dass die Baustelle am Museum für Naturkunde Berlin weit mehr ist als ein Sanierungsprojekt. Sie ist eine Selbstbeschreibung in Stein, Stahl und Lehmputz.

In den kommenden Wochen beleuchtet ENTWICKLUNGSSTADT das Vorhaben in zwei weiteren Teilen: Der nächste Beitrag führt nach Adlershof, wo ein zweiter Standort entsteht. Danach geht es um die vielleicht kniffligste Frage des ganzen Vorhabens, wie Denkmalschutz, Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit gleichzeitig gelingen sollen, während der Betrieb weiterläuft.

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30 Millionen Objekte, kaum sichtbar: Was das Naturkundemuseum Berlin wirklich ausmacht

Das Museum für Naturkunde im Bau

Im Museum selbst wird die aktuelle Sanierung und der Umbau ebenfalls kommuniziert und Besuchenden offengelegt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Wer das Museum heute besucht, sieht vor allem Ausstellung: Sauriersaal, Erdgeschichte, Biodiversitätswand, Publikumstrubel. Hinter den Kulissen aber liegt das eigentliche Gewicht des Hauses — eine wissenschaftliche Sammlung von mehr als 30 Millionen Objekten, die 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte umspannt und von denen nur ein winziger Teil gezeigt werden kann. Das Museum ist kein reiner Ausstellungsort, sondern ein integriertes Forschungsmuseum: Sammlungen, Forschung und Wissenstransfer gehören zusammen.

Genau dieses Selbstverständnis soll künftig auch räumlich sichtbar werden. Prof. Johannes Vogel bringt es auf einen Satz: „Natur ist Problemlösen“. In 3,8 Milliarden Jahren hat die Natur für nahezu jede Herausforderung eine Antwort entwickelt und genau dieses Wissen, so Vogel, steckt in der Sammlung. Sie ist kein Archiv der Vergangenheit, sondern ein Werkzeugkasten für die Zukunft: für Fragen rund um Biodiversitätsverlust, Klimaveränderungen, ökologische Kipppunkte. Ausstellungen seien dabei eine Einladung, Forschung zugänglich, verständlich und diskutierbar zu machen.

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Sanierungsstau im Naturkundemuseum: Wenn der Altbau zur Belastung wird

Naturkundemuseum Berlin

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Ein Rundgang durch das Gebäude macht schnell deutlich, wo die eigentliche Spannung liegt: zwischen dem Anspruch, ein offenes, zeitgemäßes Museum zu sein, und einer Bausubstanz, die vielerorts grundlegende Anforderungen nicht erfüllt. Rund 5.000 bis 5.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen zur Verfügung, während ein Großteil der Sammlung unter Bedingungen lagert, die modernen konservatorischen Standards kaum gerecht werden —  klimatische Stabilität, Lichtschutz, Schädlingsprävention inklusive.

Dabei arbeiten hier rund 500 Menschen, darunter etwa 180 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dazu jährlich zahlreiche Gastforschende. Vieles davon geschieht in Räumen, die zu klein, zu voll oder schlicht in die Jahre gekommen sind. Wer tiefer ins Haus vordringt, begegnet nicht der Patina eines ehrwürdigen Gebäudes, sondern den unverkennbaren Spuren jahrzehntelanger Notlösungen, mit veralteten Leitungen, improvisierter Technik, Engstellen und Provisorien. Ein grundlegender Neuanfang, ließ zu lange auf sich warten.

Vom Kriegsschaden zum Sanierungsprojekt: Die lange Geschichte des Naturkundemuseums an der Invalidenstraße

Ostflügel Naturkundemuseum Berlin

Am 3. Februar 1945 wurde der Ostflügel von einer Zehn-Zentner-Bombe zerstört. / © Foto: Carola Radke_MfN

Um die Dimension der heutigen Sanierung zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Das Museum für Naturkunde wurde 1889 eröffnet und hat seitdem politische Systeme, Krisen und Umbrüche überstanden. Doch besonders der Zweite Weltkrieg hat Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. Ein Teil des Gebäudes wurde zerstört, vieles blieb über Jahrzehnte nur eingeschränkt nutzbar. Nach der Wiedervereinigung entstanden neue Perspektiven und damit der lange Weg aus dem Sanierungsstau.

Erste größere Schritte erfolgten in den 2000-er Jahren, als Teile der Ausstellung erneuert und Zugänge verbessert wurden. Das Museum wurde zum Publikumserfolg, die Besucherzahlen stiegen deutlich. Gleichzeitig wuchs der Druck, auch die verborgenen Bereiche — Sammlungen, Präparationswerkstätten, Labore — endlich zeitgemäß zu machen. Denn ein Haus, das Forschung ernst nimmt, kann sich dauerhaft keine Infrastruktur leisten, die das Gegenteil signalisiert.

Wiederaufbau mit System: Wie der Ostflügel dem Museum für Naturkunde neue Handlungsspielräume verschaffte

wieder aufgebauter Ostflügel des Naturkundemuseums

Mit der Nachempfindung der historischen Klinkerfassade aus Betonabgussteilen wurde das Schweizer Architekturbüro Diener & Diener beauftragt. / © Foto: Hwaja Götz

Ein Wendepunkt war der Wiederaufbau des Ostflügels, der 2010 in Betrieb ging. Dort befindet sich heute eine hochspezialisierte Nasssammlung mit über einer Million in Alkohol konservierten Tieren. Dieser Bereich steht exemplarisch für die Idee, die Vogel, Junker und Schultze beim Rundgang immer wieder betonen: Forschung und Sammlung kann sichtbar werden, wenn Architektur und Sicherheit das zulassen.

Gleichzeitig war der Ostflügel ein logistischer Befreiungsschlag. Indem die Nass-Sammlungen neu geordnet und das Material gemäß den Sicherheitsanforderungen untergebracht werden konnte, entstand Raum für weitere Bauabschnitte. Das Museum hat sich seitdem Schritt für Schritt vorgearbeitet. Trotz dessen sind große Teile des Hauptgebäudes weiterhin nicht saniert und der Spagat zwischen laufendem Betrieb und Baugeschehen wird eher größer als kleiner.

660 Millionen Euro für das Naturkundemuseum: Was die Generalsanierung konkret verändern soll

Nasssammlung im Naturkundemuseum

Im wiederaufgebauten Ostflügel lagern nun unter energetisch optimierten Bedingungen 276.000 Gläser mit in Alkohol konservierten Fischen, Reptilien und anderen Tieren – die sogenannte Nasssammlung, die in Teilen öffentlich einsehbar ist. / © Foto: Carola Radke_MfN

Mit der „Evolution des Museums“ soll nun ein Sprung gelingen, sowohl finanziell als auch konzeptionell. Bund und Land Berlin haben für die Sanierung, in Form einer Sonderfinanzierung 660 Millionen Euro zugesagt. Davon werden etwa 480 Millionen Euro für den Bau aufgewendet. Damit verbindet sich ein Anspruch den Geschäftsführer Stephan Junker beim Rundgang klar formuliert: „Das Museum soll sich zu einem offenen, integrierten Forschungsmuseum entwickeln — in der Mitte der Stadt und im Austausch mit der Gesellschaft“. Demnach sollen nicht nur die Räume besser werden, sondern auch das Erlebnis, die Orientierung und die Zugänglichkeit.

Dafür wird das Haus neu sortiert. Der vordere Teil des Gebäudes soll stärker für Wissenschaftskommunikation und Publikum funktionieren, im hinteren Bereich sollen Forschung und Sammlungen zeitgemäße Bedingungen erhalten, inklusiver gut zugänglicher Depotflächen. Zudem soll die Grenze zwischen Ausstellung und Sammlung weiter aufgebrochen werden — hin zu mehr Einblicken, mehr Durchlässigkeit, mehr Orten — an denen Forschung nicht als Blackbox erscheint, sondern als gelebter Alltag.

Sanierung als Haltung — der Umbau des Naturkundemuseum als inhaltliches Bekenntnis

Museum für Naturkunde in Berlin

Mit Abschluss der Sanierung soll der heutige Sauriersaal zum offenen Eingangsbereich umgestaltet werden, während die Dinosaurier-Exponate künftig im überdachten Innenhof ausgestellt werden sollen. / © Foto: depositphotos.com

Die eigentliche Pointe dieses Projekts liegt woanders als man vielleicht vermuten würde. Die Sanierung ist keine kosmetische Reparatur, sondern die bauliche Antwort auf eine inhaltliche Frage: Wie kann ein Museum gleichzeitig Sammlung schützen, Forschung ermöglichen und Öffentlichkeit einladen? Mit dem Umbau soll genau das Selbstverständnis des Hauses sichtbar werden und dabei soll Architektur als Ausdruck von Haltung wahrgenommen werden.

Und doch ist schon jetzt klar, dass der große Umbau ohne Ausweich- und Ergänzungsflächen nicht machbar ist. Deshalb wird Adlershof zum zweiten Schlüssel der Strategie. Was dort im Technologiepark entsteht, warum es diesen Standort braucht und was die Projektverantwortlichen mit Adlershof als Forschungs- und Sammlungsort verbinden, zeigt Teil 2 unserer Reihe.

Einschusslöcher in Außenfassade des Naturkundemuseums

An der Außenfassade des Museums für Naturkunde sind die Spuren des Zweiten Weltkriegs bis heute sichtbar. Einschusslöcher prägen das Erscheinungsbild des Gebäudes und erinnern an seine bewegte Geschichte. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Museum für Naturkunde

Quellen: Museum für Naturkunde Berlin

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