Im Roten Saal der Schinkelschen Bauakademie macht eine neue Ausstellung verlorene Ingenieurbaukunst virtuell zugänglich. Digitale Rekonstruktionen verbinden Baugeschichte, aktuelle Stadtdebatten und Perspektiven für die Zukunft der Baukultur.

Der Anhalter Bahnhof in Berlin zählt zu den prominentesten verlorenen Bauwerken der Ingenieurbaukunst. In der Ausstellung „Verloren & Geborgen“ wird das historische Bauwerk mithilfe von Virtual-Reality-Technologie als digitale Rekonstruktion wieder räumlich erfahrbar gemacht. / © Foto: Stiftung Exilmuseum Berlin, René Arnold
© Titelbild: IMAGO, imagebroker
Im Roten Saal der Schinkelsche Bauakademie zeigt der Ingenieurbaukunstverein vom 12. Februar bis zum 8. März die Ausstellung „Verloren & Geborgen – Ein virtueller Spaziergang durch verlorene Ingenieurbaukunst“. Im Zentrum stehen sieben Bauwerke der Ingenieurbaugeschichte, die heute nicht mehr existieren oder stark verändert sind. Mithilfe von Virtual-Reality-Technologie lassen sich diese Bauwerke erstmals wieder räumlich erleben.
Gezeigt werden digitale Rekonstruktionen der Schinkelschen Bauakademie, des Anhalter Bahnhofs und des Ahornblatts in Berlin sowie des Kaiserstegs. Ergänzt wird die Auswahl durch den Glaspalast in München, den Seilnetzkühlturm Hamm-Uentrop und die Hetzerhalle in Weimar. Die Ausstellung macht damit Bauwerke zugänglich, die einst technische und gestalterische Maßstäbe setzten, jedoch aus dem Stadtbild verschwanden.
Vermittlung von Technik und Baukultur im Dialog: Begleitprogramm zur Ausstellung im Roten Saal
Neben den virtuellen Rundgängen setzt die Ausstellung auf ein umfangreiches Begleit- und Vortragsprogramm. Mehrmals pro Woche stellen Fachleute aus Ingenieurwesen, Architektur, Wissenschaft und Denkmalpflege die gezeigten Projekte vor. In Vorträgen und Diskussionen ordnen sie die Bauwerke historisch ein und schlagen zugleich Bezüge zu aktuellen Fragestellungen des Bauens.
Vertreter des Ingenieurbaukunstvereins betonen, Ingenieurbaukunst sei ein zentraler Bestandteil der Baukultur, werde jedoch häufig unterschätzt. Die digitalen Rekonstruktionen eröffneten neue Zugänge, da sie technische und gestalterische Qualitäten anschaulich vermittelten und damit auch ein nicht fachliches Publikum erreichten. Projektleiter Philip Kalkbrenner hebt hervor, dass die Modelle auf intensiver Archivarbeit basierten und verstreute historische Quellen räumlich zusammenführten.
Bauakademie zwischen digitaler Erinnerung und politischer Entscheidung: Aktueller Kontext
Zusätzliche Aktualität erhält die Ausstellung durch die parallel geführte Debatte um den Wiederaufbau der Bauakademie. Der Berliner Senat hat jüngst beschlossen, dass sich der geplante Neubau künftig stärker am historischen Original orientieren soll. Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) erklärte, die Bauakademie müsse in ihrer äußeren Erscheinung wieder als architektonisches Schlüsselwerk erkennbar werden.
In einer Mitteilung der Senatsverwaltung heißt es, die historische Ziegelfassade werde als maßgebliches Leitbild für den Realisierungswettbewerb verankert. Ziel sei es, die Bauakademie als identitätsstiftenden Ort im historischen Zentrum Berlins zurückzugewinnen. Gleichzeitig betont der Senat, dass kein musealer Nachbau entstehen solle, sondern ein zeitgemäß nutzbares Gebäude, das heutigen funktionalen und rechtlichen Anforderungen gerecht wird.
Perspektive eines virtuellen Ingenieurbaukunst-Museums: Ausbau über die Ausstellung hinaus
Über die Laufzeit der Ausstellung hinaus verfolgt der INGENIEUR BAUKUNST e.V langfristige Ziele. Nach Angaben der Initiatoren soll das Projekt kontinuierlich erweitert werden und sich schrittweise zu einem virtuellen Ingenieurbaukunst-Museum mit Hunderten von digitalen Rekonstruktionen entwickeln. Die Ausstellung versteht sich damit als Auftakt für eine dauerhaft zugängliche Plattform zur Baukulturvermittlung.
Unterstützt wird das Projekt durch die Zusammenarbeit mit dem Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg, der die Ausstellung über sein Netzwerk begleitet. Ziel ist es, den interdisziplinären Austausch zwischen Ingenieurwesen, Architektur und Öffentlichkeit zu stärken. Die Ausstellung ist mittwochs bis sonntags geöffnet, montags und dienstags bleibt sie geschlossen, während das Veranstaltungsprogramm fortlaufend ergänzt wird.

Der Berliner Kaisersteg in Oberschoeneweide (1900): Die Ausstellung zeigt virtuelle Rekonstruktionen mehrerer heute verschwundener Ingenieurbauten, darunter die Schinkelsche Bauakademie, der Anhalter Bahnhof, das Ahornblatt, der Kaisersteg, der Glaspalast in München, der Seilnetzkühlturm Hamm-Uentrop sowie die Hetzerhalle in Weimar. /© Foto: Wikimedia Commons, Public domain
Quellen: INGENIEUR BAUKUNST e.V., Errichtungsstiftung Bauakademie, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen
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