Die Neubewertung des Hochhausleitbildes und zwei prägende Stadtentwicklungsprojekte standen auf der Agenda der aktuellen Sitzung des Berliner Baukollegiums. Während am Gesundbrunnen Potenziale für eine Neubebauung gesehen werden, bleibt das Tiergarten-Areal tabu. Ein dort geplantes Hochhaus fand nicht die Zustimmung des Gremiums.

Gesundbrunnen Brücke

In Gesundbrunnen gibt es Pläne, die historische Swinemünder Brücke in ein grünes, öffentliches Umfeld einzubetten: Unter und rund um die Brücke könnte ein neuer Park entstehen, der Teil einer durchgehenden Grünverbindung zwischen Humboldthain und Mauerpark wird. / © Foto: Wikimedia Commons, Marek Sliwecki, CC BY-SA 4.0

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© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT

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In der Sitzung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen wurden am gestrigen Montag zentrale Projekte und Weichenstellungen für die Berliner Hochhausentwicklung vorgestellt. Das überarbeitete Hochhausleitbild 2025 baut auf der Fassung von 2020 auf, verschärft jedoch die Anforderungen und verschlankt die Verfahren. Die Reduktion auf drei Planungsphasen soll Vorhabenträgern mehr Planungssicherheit geben und zugleich die behördlichen Abläufe beschleunigen.

Besonders hervorgehoben wurde der stärkere Fokus auf Nachhaltigkeit, klimaresiliente Bauweisen und städtebauliche Integration. Die Stadt orientiert sich dabei explizit an nationalen und internationalen Beispielen – etwa Frankfurt am Main, das seit Jahren eng definierte Hochhauszonen nutzt. Berlin bleibt jedoch bei der Einzelfallprüfung, um den heterogenen Stadtstrukturen gerecht zu werden.

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Wohnhochhäuser nach dem Berliner Modell besitzen aufgrund ihres offenen Erdgeschosses bereits eine hohe Übereinstimmung mit den neuen Leitlinien. Gleichzeitig stellt das Leitbild klar, dass Multifunktionalität gestärkt werden soll, jedoch nicht zwingend in jedem Fall realisiert werden muss. Damit bewegt sich die Stadt zwischen Verdichtung, Wohnraumschaffung und dem Schutz stadträumlicher Identitäten. Die neuen Leitlinien stehen inzwischen online zur Verfügung und sollen als verbindliche Grundlage für künftige Projekte dienen.

Quartier „Fountain“ am Bahnhof Gesundbrunnen: Urbanes Wachstum mit grünem Anspruch

Das Projekt „Fountain“ am Bahnhof Gesundbrunnen gilt als eines der aktuell ambitioniertesten Vorhaben im Berliner Norden. Mit der Idee eines „Grünen Rings“, der Humboldthain und Mauerpark erstmals durchgängig verbinden soll, greift der Entwurf ein lange diskutiertes stadtökologisches Ziel auf: große, zusammenhängende Freiräume über Bezirksgrenzen hinweg zu schaffen. Zugleich soll der Standort stärker mit der umliegenden Quartiersstruktur verwoben werden – ein wichtiger Schritt, da der Gesundbrunnen heute vor allem als Verkehrsknoten wahrgenommen wird.

Die vier neuen Blöcke, basierend auf einem Wettbewerb des Büros Henning Larsen, könnten Wohnen, Gewerbe, Dienstleistungen und Hotelnutzungen kombinieren. Mit variierenden Höhen zwischen 20 und 43 Metern fügen sich die Gebäude in den Kontext des heterogenen Bahnhofsareals ein, ohne monumental zu wirken. Der geplante Park mit 5.900 Quadratmetern – teilweise unter der historischen Swinemünder Brücke – soll zu einem identitätsprägenden Ort für den gesamten Stadtteil werden, ein durchaus bemerkenswerter Ansatz.

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Gleichzeitig bleibt das Projekt aber komplex: Die verkehrliche Erschließung ist noch nicht abschließend geklärt, und auch die Integration der „Berliner Unterwelten“, die zahlreiche historische Anlagen im Untergrund betreiben, erfordert noch weitere Abstimmungen. Dennoch sieht das Baukollegium erhebliches Potenzial, insbesondere im Hinblick auf die Stärkung des Wohnens in zentralen Lagen.

Hochhäuser am S-Bahnhof Tiergarten: Ein ambitionierter Entwurf scheitert am Ort

Anders fällt die Bewertung des Projekts am S-Bahnhof Tiergarten aus. Die zwei geplanten Türme von 90 und 130 Metern, entworfen von David Chipperfield Architects, sollten 284 Wohnungen und ein Hotel beherbergen und das Hansaviertel städtebaulich markieren. Doch bereits in der Sitzung wurde deutlich: Der Standort ist einer der sensibelsten der gesamten Stadt.

Das Hansaviertel, entstanden zur Interbau 1957, gilt als ikonisches Ensemble der Moderne und steht komplett unter Denkmalschutz, einschließlich seiner offenen Raumstruktur. Genau diese Offenheit würde ein Hochhauspaar infrage stellen, so das Gremium. Bezirksstadtrat Ephraim Gothe und das Berliner Landesdenkmalamt machten früh klar, dass eine solche Verdichtung am Rand des Tiergartens nicht vereinbar sei. Das Baukollegium folgte dann anschließend dieser Einschätzung.

Zwar entspricht der Entwurf in vielen Punkten dem neuen Hochhausleitbild, doch Lage und denkmalpflegerische Bedeutung überwiegen hier sämtliche Argumente für eine bauliche Weiterentwicklung. Zugleich signalisierte Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt Gesprächsbereitschaft, alternative Standorte zu prüfen – insbesondere in Gebieten, die bereits für eine Hochhausentwicklung vorgesehen sind. Schon hier macht sich also der Berliner Ansatz der Einzelfallprüfung stark bemerkbar.

Baukollegium: Verdichtung ja, aber nicht um jeden Preis

Mit seinen Bewertungen sendete das strenge Berliner Baukollegium schließlich ein klares Signal: Verdichtung ja, aber nicht um jeden Preis. Am Gesundbrunnen entstehen neue Chancen für innerstädtisches Wohnen und eine stärkere Verzahnung von Infrastruktur und Freiraum. Am Tiergarten hingegen bleibt der Schutz historischer Stadträume vorrangig.

Die nächste Sitzung des Baukollegiums findet übrigens am 23. Februar 2026 statt, mit weiteren Projekten, die Berlins zukünftige Silhouette prägen könnten.

Hansaviertel Hochhaus

Das Hansaviertel gilt als ikonisches Ensemble der Moderne und steht komplett unter Denkmalschutz, einschließlich seiner offenen Raumstruktur. Genau diese Offenheit würde ein Hochhauspaar infrage stellen, so das Gremium. / © Foto: Wikimedia Commons, Molgreen, CC BY-SA 4.0

Quellen: Sitzung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen am 2. Dezember 2025

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8 Kommentare

  1. Philipp 2. Dezember 2025 at 09:46 - Reply

    Wahnsinn das man dieses hässliche Hansaviertel in der gesamten Fläche unter Denkmalschutz stellt. Das verdient es nicht mal ansatzweise. Es ist eher ein Mahnmal für gescheiterte moderne Architektur…

    • Max 2. Dezember 2025 at 20:34 - Reply

      Hast du dafür auch noch ein paar Argumente im Angebot oder beschränkst du dich auf „Hässlichkeit“ als deinen zentralen Argumentationspunkt? Denn das liegt wie üblich im Auge des Betrachters. Fakt ist, dass der Wohnraum extrem teuer ist im Hansaviertel und es keinen Leerstand gibt. Als Wohnquartier scheint es also sehr gut zu funktionieren, wobei die Lage natürlich ihr Übriges tut. Wer Menschen, die im Hansaviertel leben, kennengelernt hat, der weiß, dass die üblicherweise sehr stolz drauf sind, dass sie dort wohnen. Offenbar liegen dort Qualitäten vor, die eine besondere Lebensqualität ermöglichen.

      Das Hansaviertel ist mehr als Fassadengestaltung. Es geht um innovative Grundrisse, um großzügige und entschleunigte Freiraumgestaltung, die Kombination von grünem Raum und urbanem Wohnen. Es geht um städtebauliche Paradigmen einer vergangenen Periode, der Nachwendezeit. Das Hansaviertel ist ein bewohnbares Freilichtmuseum und stellt ein weitgehend ununterbrochenes Ensemble dieser Zeit dar. Daher erklärt sich diese überdurchschnittliche Bedeutung für den Denkmalschutz.

    • Böhme 2. Dezember 2025 at 20:49 - Reply

      Unter Denkmalschutz werden nicht Gebäude gestellt, die besonders schön sind, sondern die eine bestimmte gestalterische Bedeutung für eine bestimmte Epoche haben. Das Hansaviertel ist ehedem von Stararchitekten nach für die Zeit herausragenden ästhetischen Gesichtspunkten errichtet worden. Von daher war es richtig, es unter Denkmalschutz zu stellen. Ich finde auch diverse der Gebäude aus Stararchitektenhänden nicht schön. Aber es ist eine geschlossene Anlage – und mit ihrer offenen Bebauung (im Gegensatz zur von Stimmann dann wieder – zu Recht – favorisierten Blockrandbebauung) typisch für das in den 50er-/60er-Jahren Stadtplanungsleitbild!

  2. Alexander Wolf 2. Dezember 2025 at 13:56 - Reply

    Nach welchen Kriterien wurde das, denkmalgeschützte, Ahornblatt auf der Fischerinsel , gesprengt und wer war dafür verantwortlich? Das Areal wurde verdichtet, um jeden Preis!

    • Max 2. Dezember 2025 at 20:22 - Reply

      Das Ahornblatt ist der dominierenden Mentalität der Nachwendezeit zwischen 1990 und 2005 zum Opfer gefallen, als man den Überresten der DDR nicht selten mit kapitalistischer Siegerbrille gegenüber trat und Architekturentwürfe des Realsozialismus mit kollektiver Abscheu konfrontierte. Alternativ auch mit vollkommener Ignoranz. In beiden Fällen war Abriss oft die Konsequenz.

      Verantwortlich waren vor allem der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der im Sinne seines Ansatzes der Stadtreparatur und Rückbesinnung auf die klassische europäische Stadt kaum Interesse an der Architektur der DDR zeigte. Besonders traurig ist, dass er als oberster Städtebauer Berlins die Bedeutung seiner Zeit nicht erkannte… in Berlin ist damals ein Staat mitsamt vieler in kurzer Zeit entstandenen kulturellen Eigenheiten untergegangen. Seine Aufgabe wäre es gewesen, sich stärker mit dem detaillierten Bestand auseinanderzusetzen. Die hat Stimmann in Bezug auf Ost-Berlin verfehlt. Freilich muss man das auch unter der größeren Linse des damaligen Niedergangs Berlins sehen sowie der vorherrschenden politischen Umstände, die stark neoliberal geprägt waren.

      • Böhme 5. Dezember 2025 at 02:14 - Reply

        Das ist schlicht Unfug! Ich muss bei dem Wunsch, Architektur zu erhalten, auch immer fragen, was diese künftig ausfüllen soll. Das Ahornblatt war dereinst als „Großgaststätte“ geplant, extra für die „Hauptstadt der DDR“, um den Bürgern des realexistierenden Sozialismus‘ ein sozialistisches Füllhorn vorzugauckeln (genauso, wie das Innenleben des Palastes der Republik). Welche Großgaststätte hätte denn dort eine Zukunft gehabt? Hätten stattdessen dort eine Kita, ein Seniorentreff einziehen sollen?

        Seit mindestens zwanzig Jahren findet im Osten Deutschlands eine an Lächerlichkeit nicht zu überbietende Idealisierung der DDR statt. Ich hatte Mitte 1993 als Wessi angefangen, im Osten zu arbeiten. Ich bis bereits am 09. November 1989 am Brandenburger Tor über die Mauer geklettert und durch das Brandenburger Tor „flaniert“, anschließend durch die ehemalige DDR besuchsweise gefahren. Das Land war eine gigantische Umweltverschmutzung (ich war in Bitterfeld und bin geflohen: Vom Schwefel gelb begaster Novemberabgasdunst, in der Werra konnte man Filme entwickeln, obwohl der Westen der DDR noch lange vor dem Mauerfall Klärwerke finanziert hatte! Die Gründerzeitviertel Leipzigs sahen aus, als wäre der Zweite Weltkrieg gerade eben beendet worden. Im Ostteil Berlins konnte ich mit meinem Rennrad nicht fahren, weil die allenthalben vorzufindenden Kopfsteinpflaster in einem derart desaströsen Zustand waren, dass man mit den dünnen Rennradreifen in den Fugen zwischen den Kopfsteinen hängen blieb und man stürzte. Ich hatte mir dann deswegen ein Mountainbike zugelegt.).

        Nee, Leute, für DDR-Nostalgie gibt es auf allen Ebenen Null Gründe!

        • Max 5. Dezember 2025 at 14:04 - Reply

          Interessanter Kommentar… wie betrachtest du denn den Denkmalschutz des Olympiastadions oder des Detlev-Rohwedder-Hauses?

          Du scheinst nicht wirklich verstanden zu haben, worum es beim Denkmalschutz eigentlich geht. Es geht nicht um Nostalgie, es geht um den Erhalt von Zeugnissen der Zeitgeschichte. Entwicklungsstadt selbst führt dieses Paradigma als Slogan – Jede Zeit baut ihre Stadt. Es gilt, aus jeder Zeit architektonische Baudenkmäler zu erhalten.

          Das ist übrigens auch eines der Hauptelemente der deutschen Vergangenheitsbewältigung und der Erinnerungskultur. In diesem Sinne ist deine Frage, „was Architektur in diesem Falle künftig ausfüllen soll?“, einfach zu beantworten. Diese Architektur soll über die Vergangenheit erzählen und die nachfolgenden Generationen aufklären. Bildung, die Festigung unserer Demokratie, das Lernen aus Fehlern der Vergangenheit, für solche Zwecke erhält man Architektur.

          In der baugeschichtlichen Forschung gibt es seit Jahren eine lebhafte Debatte über den Umgang mit Architektur aus der DDR und der Tenor ist grundsätzlich relativ klar: es wurde sich zu wenig mit der Bausubstanz und ihren Hintergründen beschäftigt und eine Mentalität an den Tag gelegt, die ziemlich exakt deiner entspricht. Mit solchen Argumenten wie den deinen ist man in den 90ern durch Ost-Berlin gelaufen und hat gesagt „Das kommt weg und das muss weg, das hier braucht sowieso keiner und das ist ja mal pottenhässlich“. In der Wissenschaft ist die Einsicht über einen anderen Umgang längst angekommen.

          Dein letzter Absatz passt überhaupt nicht in die Diskussion und trägt nichts bei. Das sind alles Fakten, die niemand in Frage gestellt hat, die die Funktion des Denkmalschutzes aber nicht im Geringsten tangieren. Deine persönlichen Erlebnisse spielen in dieser Betrachtung keine Rolle und entlarven vor allem deine zutiefst subjektive Sicht auf DDR-Architektur. Es ist gut, dass im Landesdenkmalschutzamt Menschen sitzen, die im völligen Gegensatz dazu objektiv und wissenschaftlich an die Sache herangehen.

        • a.t. 9. Dezember 2025 at 15:59 - Reply

          Grund 1: Der unsägliche Verlust eines bautechnisch herausragenden Leckerbissens einesr Mütherschale (Magdeburg; Potsdam oder Templin haben das verstanden).
          Grund 2: Umnutzen statt abreißen…zu was auch immer.
          Grund 3: Verhinderung dieses gesichtsloses Blockrandklopses, der jetzt dort steht.

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