Hamburg will Vorreiter beim autonomen Nahverkehr werden und die Branche steht bereit. Auf der VDV-Jahrestagung in der Hansestadt fordern Verkehrsunternehmen und Politik eine klare Strategie sowie drei Milliarden Euro Anschubfinanzierung, um den Schritt vom Pilotprojekt zum Regelbetrieb zu schaffen.

Die Hamburger Hochbahn treibt mit einem neuen Infrastrukturprojekt die Mobilitätswende in der Hansestadt voran. Im Stadtteil Barmbek-Süd errichtet das Verkehrsunternehmen derzeit einen Betriebshof, der speziell auf die Anforderungen autonom fahrender Fahrzeuge ausgelegt ist. / © Visualisierung: HOCHBAHN
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Vom 17. bis 19. Juni trafen sich mehr als 800 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zur Jahrestagung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Hamburg. Gastgeberin war die Hamburger Hochbahn AG. Im Mittelpunkt stand das Thema autonomes Fahren im öffentlichen Nahverkehr und die Frage, wie Deutschland vom Testbetrieb in den Regelbetrieb kommen kann.
VDV-Präsident Ingo Wortmann betonte, dass autonomes Fahren für private Pkw keine Lösung der Verkehrs- und Flächenprobleme sei. Nur der ÖPNV könne durch seinen Bündelungseffekt eine tragfähige Antwort liefern. Deutschland müsse deshalb zum Leitmarkt werden, so wie es im Koalitionsvertrag vorgesehen ist.
Finanzierungsplan und Modellregionen: So will der VDV den Weg in den Regelbetrieb ebnen
Um diesen Anspruch umzusetzen, stellte der VDV erstmals ein Finanzierungskonzept vor. Eine Milliarde Euro soll in die Projektphase fließen, für Leasingraten neuer Fahrzeuge, Personal, Ladeinfrastruktur sowie Forschung und Entwicklung. Für den späteren Regelbetrieb veranschlagt der Verband weitere zwei Milliarden Euro. Damit könnten Betriebshöfe ausgebaut, Leitstellen eingerichtet und autonome Fahrzeuge in gemischte Flotten integriert werden.
Wortmann sprach sich für ein bundesweites Projekt mit fünf bis sieben Modellregionen aus. Dort sollen autonome Systeme unter realen Bedingungen getestet und schrittweise hochskaliert werden. Wichtig sei eine gemeinsame Roadmap, getragen von Bund, Ländern, Branche und Industrie.
Projekt „ALIKE“ und neue Fahrzeugtests: Hamburg setzt auf fahrerlose Shuttles im Linienbetrieb
Die Hamburger Hochbahn will mit dem Projekt „ALIKE“ und Partnern wie Volkswagen, MOIA und HOLON erste Erfahrungen sammeln. Vorstandschef Robert Henrich erklärte, die HOCHBAHN habe ein Zukunftsbild für den Einsatz fahrerloser Fahrzeuge entwickelt, das als Whitepaper veröffentlicht werde. Ziel sei es, Angebotsqualität und Fahrgastzahlen zu steigern. Geplant ist, in den kommenden Jahren „RoboShuttles“ und „Robomidibusse“ im Linienbetrieb zu erproben.
Hamburg knüpft damit an frühere Projekte wie den Kleinbus „HEAT“ an, der zwischen 2019 und 2021 im Testbetrieb unterwegs war. Jetzt sollen neue Fahrzeuge in einem innerstädtischen Testgebiet erprobt werden.
On-Demand-Verkehre als Schlüssel: Warum stabile Finanzierung für den Einstieg ins autonome Fahren nötig ist
VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff sieht in heutigen On-Demand-Angeboten eine Brückentechnologie zum autonomen Fahren. Seit der PBefG-Novelle 2021 wurden über 120 Projekte umgesetzt, vor allem in ländlichen Regionen. Viele Angebote sind tariflich integriert und stoßen auf hohe Akzeptanz. Dennoch fehlen langfristige Finanzierungen, weshalb zahlreiche Projekte vor dem Aus stehen.
Der Verband fordert ein bundesweites „Deutschland-Angebot“ mit verbindlichen Standards, Bundesmitteln und Anreizmodellen der Länder. Nur so könne der Schritt vom Pilotprojekt zu einer wirtschaftlich tragfähigen Lösung gelingen.
Autonomes Fahren und alte Infrastruktur in Berlin: Wie die BVG zwischen Innovation und Sanierungsbedarf balanciert
In Berlin arbeitet die BVG unter Vorstandschef Henrik Falk an einer Zulassung für autonome Busse bis 2027, gemeinsam mit Hamburg. Parallel laufen Tests zur Teilautomatisierung der U-Bahnlinien U3 und U5: Brems- und Beschleunigungsvorgänge übernimmt künftig die Technik, das Fahrpersonal bleibt vorerst an Bord. Ziel sind gleichmäßigere Fahrten und höhere Taktfrequenzen.
Die Modernisierung des teils über 100 Jahre alten Netzes bleibt eine zentrale Hürde. Verschlissene Fahrzeuge und veraltete Infrastruktur führen zu Ausfällen. Neue Züge sollen die Zuverlässigkeit von derzeit 95–96 auf 99 Prozent steigern. Langfristig setzt die BVG auf Digitalisierung und Automatisierung, um den Nahverkehr zukunftsfähig zu machen.
Quellen: Hamburger Hochbahn, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, Hamburger Abendblatt, BVG
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