Im Herzen der Hamburger Altstadt, am Nikolaifleet bei der Trostbrücke, gräbt das Archäologische Museum Hamburg. Aktuell untersucht das Team eine Fläche von 442 Quadratmetern. Auslöser ist ein Neubauprojekt auf dem Areal der ehemaligen Commerzbank. Dabei kommen unter den jüngeren Schichten Spuren des mittelalterlichen Stadtkerns zum Vorschein.

Blick auf das Grabungszelt am Neß, unter dem die archäologische Untersuchung läuft. Wegen der Nähe zum Nikolaifleet kämpft das Team mit Grund- und Schichtenwasser, weshalb Pumpen und ein Entwässerungsgraben dauerhaft im Einsatz sind. / © Archäologisches Museum Hamburg, Foto: Martin Eckert.
© Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Wo bis vor Kurzem die Commerzbank von 1874 stand, finden aktuell Ausgrabungen des Archäologischen Museums Hamburg statt. Das Commerzbank-Ensemble bestand aus einem Altbau und einem Hochhaus von 1964. Das Hochhaus stand als Zeugnis der Nachkriegsarchitektur sogar unter Denkmalschutz. Dennoch riss man die Gebäude 2023 aus wirtschaftlichen Gründen ab. An ihrer Stelle soll ein Quartier für Wohnen und Arbeiten entstehen. Deshalb dokumentieren die Archäologen den Untergrund noch bis Februar 2027.
Die Nähe zum Fleet macht die Arbeit anspruchsvoll, denn Grund- und Schichtenwasser dringen immer wieder in die Grabungsfläche. Deshalb laufen Pumpen im Dauereinsatz, und ein Entwässerungsgraben umzieht das Grabungszelt. Da der Neubau die Schichten endgültig zerstören wird, sichert das Team die Befunde jetzt als Rettungsgrabung.
Funde im Nikolai-Quartier: Marktplatz, Leitungen und Bleiplomben

Zwei bleierne Tuchplomben zählen zu den aussagekräftigen Funden. Die Vorderseite zeigt das Hamburger Stadtwappen mit der Jahreszahl 1613, die Rückseite eine Hand und eine Inschrift des mutmaßlichen Herstellers oder Importeurs. Solche Plomben kennzeichneten Textilien, die eine Qualitätsprüfung bestanden hatten. / © Archäologisches Museum Hamburg, Foto: Martin Eckert.
Das Team um Grabungsleiter Dr. Martin Eckert legte zunächst den Kellerfußboden eines Gebäudes aus der Renaissance frei. Darunter stießen die Archäologen auf die Oberfläche eines alten Marktes. Dieser stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde 1291 als Neuer Markt der Altstadt erwähnt. Erhalten sind unter anderem ein Brunnen und eine Tiertränke. Dazu kommt eine sogenannte Piepe, also eine Wasserleitung aus einem durchbohrten Baumstamm. Außerdem fanden sich Leitungen aus Granit und Reste des alten Flusskieselpflasters.
Hinzu kommen Kleinfunde wie Leder, Keramik, Knochen und Holz. Besonders aussagekräftig sind zwei bleierne Tuchplomben. Ihre Vorderseite zeigt das Hamburger Stadtwappen mit der Jahreszahl 1613. Auf der Rückseite steht eine Inschrift des mutmaßlichen Herstellers. Damit belegten solche Plomben eine bestandene Qualitätsprüfung an Textilien. Weil der feuchte Boden organisches Material hervorragend konserviert, bleiben auch hölzerne Funde gut lesbar.
Standort am Nikolaifleet: Das frühe Zentrum Hamburgs

Im Inneren des Grabungszelts heben die Archäologen einen schweren Steinblock mit einem Kettenzug an. Über Holzstege bewegt sich das Team durch die Fläche, siebt die Funde und dokumentiert die Befunde mit modernen Verfahren wie Photogrammetrie und 3D-Aufnahmen. / © Archäologisches Museum Hamburg, Foto: Martin Eckert.
Der Straßenname Neß, erstmals 1266 urkundlich erwähnt, bedeutet so viel wie Nase oder vorspringendes Landstück. An diesem Ort lag der älteste Hafen der Stadt. Deshalb lagen hier die wichtigsten Einrichtungen. Dazu zählten das älteste Rathaus mit dem Niedergericht sowie die Börse, die Waage, das Zollhaus und die Ratsapotheke. Über Jahrhunderte bildete das Areal somit das politische und wirtschaftliche Zentrum Hamburgs.
Landesarchäologe Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss erklärt, das Grabungsteam stoße immer wieder auf neue Puzzlesteine. Diese vervollständigten das Bild der frühen Stadtgeschichte. Gerade die gut erhaltenen Holzfunde seien für die Forschung von großem Wert. Das Team dokumentiert die Grabung mit Photogrammetrie und 3D-Verfahren, und ein begleitender Podcast berichtet laufend über den Fortschritt.

Freigelegte Oberfläche des mittelalterlichen Marktes aus dem 13. Jahrhundert, der 1291 als „Neuer Markt der Altstadt“ erwähnt wurde. Zu erkennen sind unter anderem ein gemauerter Brunnen, eine steinerne Tiertränke und hölzerne Wasserleitungen, dazu Reste des Flusskieselpflasters, das sich im feuchten Boden über Jahrhunderte erhalten hat. / © Archäologisches Museum Hamburg, Foto: Martin Eckert.
Quellen: Archäologisches Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg
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