Unter der belebten Kreuzung an der U-Bahn-Station Pankstraße liegt ein Schutzraum aus dem Kalten Krieg. Der Verein Berliner Unterwelten öffnet die Anlage nun für eine Führung unter dem Motto „Zivil- und Katastrophenschutz gestern und heute“. Denn seit dem russischen Angriff auf die Ukraine gewinnt das Thema wieder an Bedeutung, und Berlin verfügt kaum über nutzbare öffentliche Schutzräume.

Stark befahrene Straßenkreuzung mit mehrgeschossigen Wohnhäusern und dem Eingang des U-Bahnhofs Pankstraße.

Der U-Bahnhof Pankstraße wurde 1977 eröffnet. Bereits bei der Planung legte man die Station so an, dass sie sich zugleich als Schutzraum für 3.339 Menschen nutzen lässt. Nach demselben Prinzip entstand in Berlin eine weitere Mehrzweckanlage, nämlich am U-Bahnhof Siemensdamm. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Fotos: ENTWICKLUNGSSTADT

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Der U-Bahnhof Pankstraße sieht im Alltag aus wie die meisten anderen Stationen der U-Bahn-Linie U8. Tatsächlich entstand die Station jedoch 1977 als sogenannte Mehrzweckanlage, denn der Bund wollte Schutzräume kostengünstig in die normale Infrastruktur einplanen. Im Frieden dient die Station dem Verkehr, im Ernstfall verwandelt sie sich in einen Schutzraum für 3.339 Menschen. Damit galt sie einst als viertgrößte Anlage ihrer Art in Berlin. Bis zu zwei Wochen sollten Schutzsuchende hier ausharren können.

Damit die Versorgung auch ohne Anbindung an das Stadtnetz gelingt, arbeitet die Anlage autark. Ein Diesel-Notstromaggregat mit 465 PS liefert Strom, und ein unterirdisches Wasserwerk sichert das Trinkwasser. Wer hineinwill, durchquert zunächst eine Schleuse, sodass keine verseuchte Luft in die Räume gelangt. Im Inneren zeugen 72 Toiletten, Vierstockbetten und eine Notküche vom durchdachten Ablauf auf engem Raum. Seit 2010 steht die weitgehend original erhaltene Anlage unter Denkmalschutz.

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Schaufensterpuppe im Trainingsanzug neben einer Dekontaminationsdusche und einer schweren Stahltür mit der Aufschrift Ausgang.

Mit einer hydraulischen Personendosieranlage steuerte das Personal den Zustrom, die abgerundeten Kanten der Metallplatte schützten die Schutzsuchenden vor Verletzungen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Zivilschutz in Deutschland: Vom Rückbau zur Rückkehr

Nach dem Ende des Kalten Krieges verlor der Zivilschutz rasch an Bedeutung. Viele hielten Schutzräume für überflüssig, weshalb der Bund die Anlagen ab den 1990er Jahren zurückbaute. 2007 gaben Bund und Länder den öffentlichen Schutzraumbau schließlich ganz auf. Heute existieren laut dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) bundesweit noch 579 öffentliche Schutzräume. Einsatzbereit ist nach Angaben der Behörde allerdings keine dieser Anlagen.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich die Lage grundlegend. Bereits 2022 stoppte das Bundesinnenministerium den weiteren Rückbau. Seitdem arbeitet das Bundesamt an einem neuen Schutzraumkonzept. Zugleich will der Bund den Bevölkerungsschutz stärken und prüft, welche vorhandenen Bauten sich wieder nutzen lassen. Konkrete Vorgaben für die Länder fehlen jedoch bislang.

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Gläserner Aufzug im Bau am Eingang des U-Bahnhofs Pankstraße, umgeben von einem Bauzaun.

Seit 2019 baut die BVG den U-Bahnhof Pankstraße um. Durch die barrierefreie Nachrüstung des Bahnhofs ist die Schutzfunktion der Anlage eingeschränkt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Schutzräume in Berlin: Deutsche Hauptstadt ohne Zivilschutz

In Berlin fällt die Bilanz besonders ernüchternd aus. Funktionsfähige öffentliche Schutzräume gibt es derzeit nicht, obwohl die Stadt heute fast doppelt so viele Menschen zählt wie in der Zeit des Kalten Krieges. Damals bot der Zivilschutz immerhin einem kleinen Teil der Bevölkerung Plätze. Nach Einschätzung des Vereins gelten heute nur zwei U-Bahnhöfe in Mitte als vergleichsweise sicher, nämlich die Station Brandenburger Tor und der Rosenthaler Platz. Diese beiden gelten als sicher, weil eine Druckwelle laut dem Vereinsvorsitzenden Dietmar Arnold an Kraft verliere, wenn sie sich an mehreren Kanten breche.

Auch der ehemalige Atombunker an der Pankstraße schützt derzeit nicht vollständig. Seit 2019 baut die BVG den Bahnhof um. Ein gläserner Aufzug sowie ein neuer Eingang verändern die Bausubstanz. Für die Stadtentwicklung wirft der Fall deshalb eine grundsätzliche Frage auf. Denn Tiefgaragen, Keller und Bahnhöfe ließen sich theoretisch doppelt nutzen, allerdings nur mit klaren Standards und entsprechenden Investitionen.

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Gelber U-Bahn-Zug am Bahnsteig des U-Bahnhofs Pankstraße mit einzelnen Fahrgästen.

Im Ernstfall wären zwei U-Bahn-Wagen in der Anlage verblieben. Mit geöffneten Türen hätten sie den Schutzsuchenden als zusätzliche Aufenthaltsfläche gedient. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Pilotprojekte des Vereins in Gesundbrunnen und Reinickendorf: Vorsorge in Eigenregie

An dieser Stelle setzt der Verein „Berliner Unterwelten“ an, der bereits 1997 entstand. Um nun auch im Zivilschutz aktiv werden zu dürfen, änderte er zuletzt seine Satzung. Inzwischen richtet er zwei Pilotanlagen wieder her, nämlich die frühere Zivilschutzanlage am Blochplatz in Gesundbrunnen und einen ehemaligen Operationsbunker in der Teichstraße in Reinickendorf. Zusammen sollen dort rund 1.000 Schutzplätze entstehen. Die Herrichtung kostet den Verein nach eigenen Angaben etwa 30 bis 40 Euro pro Platz und wird durch Führungen finanziert. Staatliche Unterstützung gebe es dafür laut Heike Welzel von den Berliner Unterwelten nicht, und das obwohl der Bund den Zivilschutz stärken wolle.

Vorstandsvorsitzender Dietmar Arnold betont, der Verein wisse als Einziger, wie sich solche Anlagen betreiben ließen. Heute komme zwar weniger auf den Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen an, sondern eher auf den Schutz vor Bedrohungen wie Drohnen. Jedoch bleibt der Zivilschutz ein aktuelles Thema. Mit der neuen Führung wolle der Verein vor allem sensibilisieren, ohne dabei Ängste zu schüren.

Gerahmter Orientierungsplan des U-Bahnhofs Pankstraße mit Grundrissen und einer Legende.

Der Orientierungsplan verdeutlicht die Größe der Anlage, von den Schutzräumen über die Betriebsräume bis zur eigenen Wasserversorgung. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Drei gerahmte Fotos an einer Wand, die aufgebaute Etagenbetten auf einem U-Bahnsteig sowie eine Anzeige mit der Aufschrift Zugverkehr unterbrochen zeigen.

Im Alltag dient der Bahnsteig dem regulären Verkehr, doch im Ernstfall hätten hier zusätzliche Feldbetten gestanden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Reihen aus vierstöckigen Metallbetten in einem Bunkerraum.

In den Schlafbereichen boten Vierstockbetten Platz für Schutzsuchende. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Große türkisfarbene Tanks mit zahlreichen Rohrleitungen und Ventilen in einem Kellerraum.

Ein unterirdisches Wasserwerk sicherte die autarke Frischwasserversorgung. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Großer Steuerschrank mit Schaltbild der Lüftung und der Aufschrift Landis und Gyr.

Eine Filter- und Lüftungsanlage reinigte die Außenluft, bevor sie in die Schutzräume gelangte. Zudem stehen die technischen Anlagen auf Federn, damit sie im Falle einer Detonation keinen Schaden nehmen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: Berliner Unterwelten e.V., BBK, BImA, Abgeordnetenhaus Berlin, Berliner Morgenpost, CORRECTIV.

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