Gesunde Gebäude entstehen nicht allein durch Energieeffizienz oder nachhaltige Baustoffe. Auch die Qualität der Innenraumluft, die Materialwahl und die Gebäudetechnik beeinflussen, wie gut Menschen in Wohnungen, Büros oder Schulen leben und arbeiten können. Allergikerfreundliches Bauen gewinnt deshalb zunehmend an Bedeutung.

Holzrohbau eines Gebäudes während der Bauphase.

Holzhybridbauten können zu einer gesunden Innenraumqualität beitragen, sofern emissionsarme Materialien und geeignete Beschichtungen eingesetzt werden. Auch bei Naturmaterialien kommt es auf Verarbeitung und Zusammensetzung an. / © Foto: depositphotos.com

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Allergien gelten oft als saisonales Problem, doch ihre Auswirkungen reichen weit über die Pollensaison hinaus. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) sind bis zu 40 Prozent der jungen Erwachsenen von Allergien betroffen. Gleichzeitig verbringen Menschen durchschnittlich 80 bis 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen, etwa in Wohnungen, Büros, Schulen oder Kitas. Damit rückt die Qualität der Innenraumluft zunehmend in den Fokus der Gebäudeplanung.

Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Laut UBM ist jede zehnte Krankschreibung auf Allergien zurückzuführen, während Heuschnupfen allein jährlich rund eine Million Fehltage verursacht. Hinzu kommt, dass die Belastung in Innenräumen oftmals unterschätzt wird: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation können Schadstoffkonzentrationen dort bis zu 30 Mal höher sein als im Freien. Emissionen aus Farben, Klebstoffen, Bodenbelägen oder Möbeln treffen in geschlossenen Räumen auf Staub, Feuchtigkeit und weitere Allergene. Umso wichtiger wird die Frage, wie Gebäude geplant und betrieben werden, damit sie langfristig ein gesundes Raumklima bieten.

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Schadstoffe und Feuchtigkeit als Planungsaufgabe

Innenoberflächen stehen im direkten Austausch mit der Raumluft. Farben, Lacke und Kleber können flüchtige organische Verbindungen abgeben, Holzwerkstoffe und Möbel mit Bindemitteln Formaldehyd. Hinzu kommen Weichmacher und Konservierungsstoffe, etwa Isothiazolinone. Nicht jede Belastung führt zu einer Allergie, sie kann Schleimhäute reizen oder bestehende Beschwerden verstärken.

Mindestens ebenso wichtig ist Feuchtigkeit. Sie schafft Bedingungen, unter denen Schimmelpilze, Hausstaubmilben und mikrobielles Wachstum entstehen können. Wärmebrücken an Fenstern, Gebäudeecken oder Balkonanschlüssen erhöhen das Risiko, weil dort Oberflächen stärker auskühlen und Kondensat entstehen kann. Auch eine gute Konstruktion setzt einen fachgerechten Umgang mit Baufeuchte und eine angemessene Nutzung voraus.

Visualisierung des Wohnprojekts Timber Living in München mit begrüntem Innenhof.

Das Wohnprojekt Timber Living von UBM Development in München wird nach den Kriterien der Allergy Friendly Buildings Alliance (AFBA) entwickelt. Neben emissionsarmen Materialien fließen auch Innenraumluft, Gebäudetechnik und Freiraumgestaltung in die Bewertung ein. / © Bloomimages

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Materialwahl ist wichtig, aber nicht alles

Mineralische Oberflächen wie Silikatfarben, Kalk oder Lehm können die Innenraumqualität unterstützen. Dennoch sind auch Naturmaterialien nicht automatisch allergikerfreundlich. Verarbeitung, Beschichtungen und Bindemittel beeinflussen die späteren Emissionen maßgeblich.

Auch der Außenraum spielt eine Rolle. Über Fenster und Lüftungsanlagen gelangen Pollen ins Gebäude. Bei der Bepflanzung können daher insektenbestäubte Arten gegenüber stark pollenbildenden Windbestäubern Vorteile bieten.

Allergikerfreundliches Bauen braucht klare Standards

Ein einheitlich gesetzlich geregelter Standard für allergikerfreundliches Bauen existiert bislang nicht. Die Allergy Friendly Buildings Alliance (AFBA) möchte diese Lücke schließen. Sie begleitet Bauprojekte nach medizinisch-wissenschaftlichen Kriterien und vergibt gemeinsam mit der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) entsprechende Zertifizierungen.

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Erste Projekte entstehen bereits nach diesem Ansatz, darunter das Wohnprojekt Timber Living in München sowie das Berliner Quartier „Am Tacheles“.

Innenraumqualität für alle: Materialwahl und Gebäudebetrieb spielen zusammen

Warum allergikerfreundliches Bauen dennoch bislang kein Standard ist, liegt auch an seiner Komplexität. Architektur, Fachplanung, Materialwahl, Bauausführung und späterer Gebäudebetrieb greifen eng ineinander und müssen von Beginn an gemeinsam gedacht werden.

Mit der Fertigstellung endet die Aufgabe deshalb nicht. Lüftungsanlagen müssen regelmäßig gewartet, Filter gewechselt und geeignete Reinigungsmittel eingesetzt werden, damit die geplante Innenraumqualität dauerhaft erhalten bleibt. Allergikerfreundliches Bauen richtet sich damit nicht ausschließlich an Betroffene.

Eine sorgfältige Materialwahl, gute Innenraumluft und ein durchdachter Gebäudebetrieb können die Aufenthaltsqualität für alle Nutzerinnen und Nutzer verbessern und werden damit zunehmend zu einem Bestandteil qualitätsvoller Architektur.

Quartier Am Tacheles, Mitte

Das Quartier „Am Tacheles“ in Berlin Mitte wurde nach den Kriterien der Allergy Friendly Buildings Alliance (AFBA) und der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) als allergikerfreundliches Quartier zertifiziert. Bewertet wurden unter anderem Materialien, Innenraumluft, Gebäudetechnik und Außenanlagen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: WHO, UBM, Allergie Informationsdienst, DGNB, Ingenieur.de, AFBA, ECARF

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