Im Schatten der offiziellen Debatten um die Zukunft des Internationalen Congress Centrums (ICC) Berlin existiert ein Konzept, das bislang kaum öffentlich wahrgenommen wurde. Es stellt den vollständigen Rückbau des Gebäudes zur Diskussion und entwirft stattdessen ein dichtes, gemischtes Stadtquartier. Der Ansatz wirft grundsätzliche Fragen zur Stadtreparatur, zum Umgang mit Denkmalen und zur Rolle innerstädtischer Großstrukturen auf.

Vision ICC Berlin

Nach dem Konzept sollen auf dem ICC-Gelände mehrere Hochhäuser entstehen, in deren oberen Geschossen ab dem vierten Obergeschoss Wohnungen untergebracht sind. Vorgesehen sind pro Etage unterschiedliche Wohnungsgrößen – von Appartements bis zu Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen –, ergänzt durch Kitas, Gastronomie, Kultur- und Dienstleistungsnutzungen in den unteren Ebenen, sodass Wohnen gezielt zur Belebung des Standorts beiträgt. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT / mit KI erstellt

© Foto Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT / mit KI erstellt

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Im Rahmen der Berliner Neustart-Konferenz wurden zahlreiche städtebauliche Zukunftsideen diskutiert. Ein Konzept zur vollständigen Neustrukturierung des ICC-Standorts schaffte es zwar nicht ins offizielle Programm, setzt aber eigenständige Akzente in der Debatte um Erhalt, Denkmalschutz und Nachnutzung. Im Fokus steht nicht die Sanierung, sondern der vollständige Rückbau zugunsten eines neuen urbanen Quartiers.

Ausgangspunkt ist die Einschätzung, dass seit dem Ende des Kongressbetriebs 2014 keine wirtschaftlich tragfähige Perspektive für das Gebäude gefunden wurde. Bereits frühere Studien hatten einen hohen Subventionsbedarf aufgezeigt, der sich durch Denkmalschutz und steigende Baukosten weiter verschärft habe.

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ICC Berlin: Städtebauliche Defizite, Versiegelung und Klimaanpassung als Kernkritik

Das Konzept von Tibor Desczyk stellt die städtebauliche Wirkung des ICC grundsätzlich infrage. Trotz seiner verkehrlich hervorragend angebundenen Lage zwischen Messedamm, Kantstraße und ZOB wirke das Gebäude nach außen weitgehend abweisend. Große Teile des Grundstücks blieben versiegelt und ohne Aufenthaltsqualität. Eine nachhaltige Belebung des Umfelds sei unter Erhalt der bestehenden Struktur kaum möglich.

Hinzu komme der ökologische Aspekt. Die vollständige Versiegelung widerspreche aktuellen Zielen der Klimaanpassung, etwa dem Prinzip der Schwammstadt. Auch aus diesem Grund argumentiert das Papier gegen eine Sanierung des Bestands und für eine grundlegende Neuordnung des Areals.

Neunutzung des ICC-Areals: 1.700 Wohnungen, Mischnutzung und neue Freiräume

Kern des Vorschlags ist die Entwicklung eines dichten, gemischt genutzten Quartiers. Vorgesehen sind rund 1.700 Mietwohnungen, darunter etwa 400 Einheiten für Studierende oder Seniorinnen und Senioren. Die kalkulierten Eingangsmieten lägen nach Angaben des Autors unter dem derzeitigen innerstädtischen Durchschnitt. Ergänzt werden sollen die Wohnungen durch Flächen für Kultur, Gastronomie, Dienstleistungen und medizinische Nutzungen.

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Ein Netz aus Promenaden, begrünten Innenhöfen und öffentlich zugänglichen Erdgeschosszonen soll neue Aufenthaltsqualitäten schaffen. Rund 7.000 Quadratmeter bislang versiegelter Fläche würden entsiegelt, Regenwasser könnte vollständig vor Ort versickern. Der Standort würde damit nicht nur baulich, sondern auch klimatisch neu definiert.

Das Konzept argumentiert mit einer deutlichen wirtschaftlichen Aufwertung des Standorts. Durch die Neubebauung würde sich der rechnerische Grundstückswert laut Autor von derzeit rund 1.000 auf etwa 8.500 Euro pro Quadratmeter erhöhen, selbst nach Abzug von Abriss- und Erschließungskosten. Daraus ergebe sich ein erheblicher Vermögenszuwachs für das Land Berlin, ergänzt um laufende Einnahmen etwa über Erbbauzinsen und Tilgungsleistungen. Gleichzeitig soll das Projekt über Mieteinnahmen aus Wohnen und Gewerbe langfristig tragfähig sein und bezahlbare Durchschnittsmieten ermöglichen, ohne dass öffentliche Zuschüsse fest eingeplant werden.

ICC unter Denkmalschutz: Hemmnis für Nutzung oder notwendiger Schutz?

Besonders deutlich positioniert sich das Konzept gegen den bestehenden Denkmalschutz für das ICC. Dieser habe, so die Argumentation, bislang keine gesellschaftlich tragfähige Nutzung ermöglicht, sondern den Handlungsspielraum weiter verengt.

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Als Kompromiss schlägt der Autor vor, einzelne Elemente, etwa den markanten Brückenbau über dem Messedamm, als Gedenk- und Erinnerungsort zu erhalten. Damit würde die Geschichte des ICC sichtbar bleiben, ohne die Entwicklung des gesamten Areals zu blockieren.

Wie weiter mit dem ICC? Berlin sucht Investoren und ringt um Perspektiven

Auch ohne politische Bühne greift das Konzept zentrale Fragen der Berliner Stadtentwicklung auf. Es thematisiert den Umgang mit gescheiterten Großprojekten, das Spannungsfeld zwischen Erhalt und Neubeginn sowie die Bedeutung von Wohnen als Instrument der Stadtreparatur. Vor dem Hintergrund der anhaltenden ICC-Debatte formuliert der Vorschlag damit einen radikalen, aber in sich schlüssigen Gegenentwurf.

Parallel dazu läuft seit Mai 2025 die zweite Phase des Konzeptverfahrens für das ICC. Der Berliner Senat sucht private Investoren, die eine denkmalgerechte Sanierung ohne öffentliche Mittel realisieren. Bis Sommer 2026 soll entschieden werden, ob und in welcher Form das seit Jahren stillstehende Gebäude eine neue Nutzung erhält.

Ob Berlin bereit ist, auch alternative Perspektiven jenseits des Bestands ernsthaft zu prüfen, bleibt offen. Die Zukunft des ICC ist weniger eine reine Architekturfrage als eine Grundsatzentscheidung über die Nutzung eines der prominentesten innerstädtischen Standorte.

Das ICC in Berlin.

© Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: Tibor Desczyk Immobilien- und Bauconsulting, Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Messe Berlin, Berliner Baukollegium, Messe Berlin, BIM, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen

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13 Kommentare

  1. Löwe 8. Januar 2026 at 12:19 - Reply

    „..den vollständigen Rückbau des Gebäudes zur Diskussion und entwirft stattdessen ein dichtes, gemischtes Stadtquartier.“

    Ja, alles was hier im Artikel steht trifft den Nagel auf den Kopf und zeigt die logischste Lösung! Die Jahrzehnte des Abwartens tragen zur Missachtung des Menschenrecht auf das Wohnen bei, ist international rufschädigend und untergräbt das vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie.

    Und was hier nicht erwähnt wurde diese brutal Architektur ist Asbestverseucht.

    Zitat: In einem Gutachten, das von der Gesellschaft für ökologische Bautechnik in Berlin (GfÖB) bereits 2010 angefertigt wurde, sind rund 6000 Asbest-Fundstellen dokumentiert. Die Sanierung von 300 Fundstellen wurde als besonders dringlich eingestuft, in den öffentlich zugänglichen Bereichen wurde der Asbest in den letzten Jahren auch schon beseitigt.

    Weil die meisten Schadstoffe in den völlig veralteten haustechnischen Anlagen einschließlich des Brandschutzes verbaut sind, stellt sich allerdings die Frage, ob eine Asbestsanierung ohne gleichzeitige Erneuerung der Gebäudetechnik überhaupt sinnvoll wäre. https://www.tagesspiegel.de/berlin/senat-will-icc-erst-mal-nur-von-asbest-befreien-5257933.html

  2. Max 8. Januar 2026 at 13:14 - Reply

    Da die Gegend durch den Umbau des Autobahnkreuzes und diverser Brücken eh eine Riesenbelastung entsteht, wäre der Abriss des ICC der Overkill. Ausserdem steht es unter Denkmalschutz.

    Solche Vorschläge dienen dazu, dass sich mittelmässige Architekten in Szene setzen können, mehr auch nicht.

    Warten wir erstmal ab was die Senatsauschreibung ergibt.

  3. a.t. 8. Januar 2026 at 17:44 - Reply

    Weg mit dem Teil und her mit dem Wohnraum…..und das gleich noch mit der Gegenleistung, dass am Molkenmarkt KEIN bezahlbarer Wohnraum entsteht…sondern eine des historischen Zentrums angemessene Architektur.
    Würde man außerdem beim ICC den selben kühlen und rationalen Maßstab anlegen, den man beim Palast angewendet hat, wäre dieser städtebauliche Walfisch schon längst kein Thema mehr.

    • Löwe 8. Januar 2026 at 21:53 - Reply

      Das Beispiel des Palastes hatte ich ja ganz vergessen zu erwähnen, den Vergleich kann man machen. Grundsätzlich finde ich sollte der Denkmalschutz bei Nachkriegsarchitektur zweitrangig gewichtet werden, bis der Wohnungsmarkt wieder beruhigt ist.

  4. Andy P 9. Januar 2026 at 08:44 - Reply

    Auf jeden Fall die beste Lösung, das heruntergekommene und Asbest verseuchte ICC ist längst aus der Zeit gefallen. Denkmalschutz ist das in meinen Augen nicht, genauso plump wie der ehemalige Palast der Republik.

  5. Bürgerking 9. Januar 2026 at 10:55 - Reply

    Das Wohnungsbaukonzept sieht schrecklich aus! Hatte da jemand Langeweile? Immer wieder dieselbe öde, austauschbare, charakterlose Architektur, perfekt für Ghettobildung. Sowas braucht Berlin an solch einem exponierten Ort, der sich in erster Linie als erweiterte Messefläche anbietet, definitiv nicht.
    Sicherlich ist es traurig und beschämend für die Stadt, dass das ICC seit Jahzehnten dahinvegetiert und keine nachhaltigen, umsetzbaren Lösungen entwickelt werden. Aber dieser alternative Vorschlag ist eine Katastrophe!

    • Löwe 10. Januar 2026 at 00:52 - Reply

      Beim Titelbild wirkt es in der Tat etwas ghetto, allerdings im Artikel sieht es gut aus.

      Zitat: „..ab dem vierten Obergeschoss Wohnungen untergebracht sind. Vorgesehen sind pro Etage unterschiedliche Wohnungsgrößen – von Appartements bis zu Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen –, ergänzt durch Kitas, Gastronomie, Kultur- und Dienstleistungsnutzungen in den unteren Ebenen, sodass Wohnen gezielt zur Belebung des Standorts beiträgt.“

      Die Challenge ist wohl eher das an der Avus so massiv zu bauen das man in den Apartments den Verkehr nicht hört, und die Luftqualität in Ordnung ist. Sollte das der Fall sein würde ich dort einziehen.

  6. Don Pedro 9. Januar 2026 at 11:53 - Reply

    ICC-Bashing ist nicht angebracht. Es handelt sich um eine herausragende Architektur, welche leider systematisch verwahrlost wurde. MAn sollte das Ding einfach wieder herrichten und so nutzen, wie es ursprünglich vorgesehen war. Dass das technisch nicht ganz trivial ist, ist klar. Aber was beim Centre Pompidou geht, muss hier auch gehen. Es ist letztlich eine Frage der WErtschätzung und der Prioritätensetzung. Die funktioniert in Paris offenkundig anders. Und was das KI-Bild betrifft: Leider trifft das ja in erschreckender Weise die Wohnungsbaurealität. So ein trostloses Vorstadtstadtvillenzeug braucht wirklich kein Mensch.

  7. Franz 10. Januar 2026 at 16:27 - Reply

    Es ist einfach auch emotional bei mir: ich wünschte, das ICC würde mit seinen vormaligen Nutzungsmöglichkeiten zurückkehren. Es fehlen doch Orte für Veranstaltungen in dieser Stadt. Berlin hat sonst wenig weltstädtische Architektur, neben dem ICC doch eigentlich nur den Fernsehturm

  8. Felix 11. Januar 2026 at 11:35 - Reply

    Wohnen am, im und um ein Autobahnkreuz, prima! Ja gute Anbindung mit S+U Bahnen, das war’s aber auch schon. Der tönernde MIV und Güterverkehr auf der Straße stellt alles in mehrfachen Faktor in den Schatten. Kann nur von Menschen kommen die weit weg der Stadt oder in einer Eigentumswohnung wohnen. Das ist Verbrechen an gesunden Menschenverstand. Endlich die Flächen nachhaltig und effektiv bebauen über die seit 25 Jahren gesprochen wird und vor allem mit einem SPNV verbinden. Ehm. Güterbahnhof Pankow, Blankenburg, Buch, Köpenick, Tempelhof, ehm. Flughafen Tegel etc

  9. Gunter Dowe 11. Januar 2026 at 12:02 - Reply

    Wenn man das liest, hat man den Eindruck, als würden in Berlin keine Kongresse mehr stattfinden. Vor 50 Jahren haben die Visionäre Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte das ICC entworfen. Natürlich muss man da nach so langer Zeit mal ein paar Rohre und Leitungen austauschen, das ist doch ganz normal. Ich weiß auch nicht, wo das mit dem Asbest herkommt. Laut Schüler und Schüler-Witte wurde da kein Asbest verwendet. Das ICC ist auch heute noch eine Ikone. Man könnte es heute nicht besser machen. Wer einmal in einem der dutzenden Kongresssälen gesessen hat, kann sich nichts besseres vorstellen.

  10. matt 14. Januar 2026 at 00:19 - Reply

    Autsch! Genau das passiert, wenn Immobilienentwickler mit Immobilienentwicklerbrille auf herausragende, weltweit erstrangige Architektur schauen: Sie sehen nur die Quadratmeter darunter. Alles andere hat für sie keinen Wert. Apropos Wert – die „Begründung“ für so ein völlig substanzloses Konzept wird dann gleich noch mitgeliefert: Die Verachteinhalbfachung des Grundstückswertes. So denken diese Leute und diese Firmen, und ich bin heilfroh, dass sie (noch) nicht überall das Sagen haben. Pfui. Und genau das wird auch der wahre Grund sein, warum der Senat auf Biegen und Brechen gerade den Abriss des SEZ im Osten der Stadt forciert, gegen jede soziale und bauhistorische Vernunft. Und dann immer die Argumentation mit knappen Flächen für Wohnungsbau – haha. Es gibt so viele Brachen in Berlin, und riesige unbebaute Flächen, wie z.B. in Adlershof/Johannisthal. Scheinheiligkeit.

  11. André Kazenwadel 12. Februar 2026 at 13:49 - Reply

    Das ICC könnten wir sehr gut nutzen und schliesslich gehört es ja den Bürgern und Bürgerinnen von Berlin. Der verwaltetet Verschluss des Zentrums kosten uns Bürger pro Jahr 2.000.000,- Euro pro Jahr ohne Nutzen, ohne Zugang.

    Schon mal gleich Ideen für Potentiale:
    Das Umfeld: zentrale Busbahnhof:
    wäre schön, wenn Reisende mit den Fernbusen Gasträume hätten sich frisch zu machen, mal zu schlafen, oder entspannen.
    Das Konzept Urban camping wie in Kopenhagen für günstige Übernachtungsmöglichkeiten in Berlin
    Parkhaus:
    Umfeld: Storage Messe – Aussteller, Lagerflächen <– super Zufahrt
    allgemein Bedarf an Lagerflächen
    Säle:
    Konzerthalle + Bühnen braucht Berlin,
    Wissenschaft-Konferenzen ( Schwarz/Lidlstiftung)
    Clubkultur_verschiedene styles
    Umfeld RBB: Studionutzung

    Dachgarten mit Gastronomie

    Rechenzentrum

    Ein Konzept das ICC in vier getrennte Bereiche zu teilen (Kohlhoff-Architekten, 2015/16) gibt es bereits.

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