Zwischen Abrissplänen und Sanierungschancen: Berliner Initiativen stemmen sich gegen den Verlust stadtbildprägender Bauten wie dem SEZ in Friedrichshain oder der „Pyramide“ am Kreuzberger Hafenplatz. Experten fordern neue Wege im Umgang mit Bestand, die „Anti-Abriss-Allianz“ will zeigen, dass Bauwende und Klimaschutz ohne Neubau möglich sind.

Berlin erlebt seit der Wiedervereinigung eine Abrisswelle, doch Initiativen kämpfen für den Erhalt einzigartiger Gebäude. Eine Veranstaltung zum Thema zeigte eindrücklich, wie unterschiedlich, aber wirkungsvoll Strategien gegen den Abriss sein können. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

© Foto Titelbild: Wikimedia Commons

 

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Abriss oder Neubau? Die Hermann-Henselmann-Stiftung hatte am 10. September 2025 zur Diskussion in die Stadtwerkstatt gelanden. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: Können bedrohte Gebäude, die vor dem Abriss stehen, erfolgreich gerettet werden, und welche Alternativen gibt es dazu?

Ein anspruchsvolles und emotionales Thema, denn Berlin erlebt derzeit eine regelrechte Abrisswelle. Zahlreiche Initiativen setzen sich dagegen ein, die Gründung der „Anti-Abriss-Allianz“ verleiht diesem Engagement zusätzliche Dynamik. Unter der Moderation von Theresa Keilhacker, Präsidentin der Architektenkammer Berlin und engagiert für Klimaresilienz, Mobilitäts- und Bauwende, wurden fünf Impulsvorträge vorgestellt und diskutiert.

Abriss oder Neubau? Diskussion über Umgang mit Baubestand in Berlin

Sebastian Bartels vom Berliner Mieterverein (BMV) plädierte für strengere Regeln und machte deutlich, dass Abriss die Ausnahme bleiben müsse. Er stellte drei Thesen vor, wonach Abrisse aus ökologischen Gründen nur als „Ultima Ratio“ infrage kämen und Modernisierungen in der Regel eine bessere CO₂-Bilanz aufwiesen.

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Der BMV beruft sich dabei auf Miet- und Zweckentfremdungsrecht als schärfste Instrumente gegen Abriss.

Polarisierendes Beispiel in Kreuzberg: Die „Pyramide“ am Hafenplatz

Zur ebenfalls bedrohten „Pyramide“ am Hafenplatz sprach Matthias Grünzig von der Initiative „Offene Mitte Berlin“. Er erinnerte an Architekt Helmut Ollk, dessen Entwurf mit abgestufter Silhouette eine unverwechselbare Plastizität geschaffen habe.

Gutachten bescheinigen dem Gebäude Sanierungsfähigkeit, zumal es lange als Studentenwohnheim genutzt wurde. Eine behutsame Modernisierung könne dringend benötigte kleine Wohnungen sichern. Im März 2025 unterzeichneten rund 100 Expertinnen und Experten, Vereine sowie Institutionen einen Aufruf: Kein Abriss der „Pyramide“ am Hafenplatz – für ein Modellprojekt der Bauwende. Grünzig nannte den Abriss unsinnig und verwies auf erfolgreiche Sanierungsbeispiele in Berlin.

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SEZ in Friedrichshain: Kampf um den Erhalt des einstigen Spaßbads

Elke Michalski von der Initiative „SEZ für alle“ erinnerte an die wechselvolle Geschichte des 1981 eröffneten Sport- und Erholungszentrums in Friedrichshain. Das Gebäude war eine Ikone der Ostmoderne, ausgestattet mit einem fortschrittlichen Energiekonzept. Ursprünglich verfügte es über 35.000 Quadratmeter Sportfläche und zog bis zu 18.000 Besucher täglich an. Heute ist der Bezirk massiv unterversorgt mit Sportstätten.

Nach Jahren des Verfalls und wechselnder Eigentümer übernahm die WBM im Januar 2025 das Gebäude. Die Initiative fordert Sanierung und Wiedereröffnung, auch die Architektenkammer spricht sich für den Erhalt aus. Der Berliner Senat jedoch hält bislang weiter an den Abrissplänen fest.

Berlin-Lichterfelde: Rettung des Mäusebunkers durch Bundesfördermittel

Architekt Ludwig Heimbach berichtete über den Erhalt des Mäusebunkers und des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie. Durch neue Nutzer und Bundesfördermittel konnte der Abriss verhindert werden, 2023 wurde der Bau unter Denkmalschutz gestellt. Seither sind jedoch kaum Fortschritte erfolgt.

Alexander Stumm, Professor an der TH Lübeck, stellte Strategien gegen Abriss vor. Er verwies auf seinen Abriss-Atlas, eine interaktive Plattform nach Schweizer Vorbild, die Abrissfälle bundesweit dokumentiert. Offiziell sind es jährlich 14.000, tatsächlich dürften es über 50.000 sein. Damit werde deutlich, dass das Thema wissenschaftlich kaum aufgearbeitet sei.

Podiumsdiskussion und Ausblick: Wie kann ein Paradigmenwechsel gelingen?

Am Ende wurde klar: Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung und frühzeitige Recherchen sind entscheidend, um Abrisse zu verhindern. Ein nachhaltiges wirtschaftliches Konzept bleibt jedoch Grundvoraussetzung. Als positives Beispiel gilt die Habersaathstraße, deren Abriss seit 2018 durch eine Bürgerinitiative erfolgreich verhindert wird.

Das Problem der hohen Schadstoffbelastung durch Abriss und Neubau ist seit Jahrzehnten bekannt, ein Paradigmenwechsel steht dennoch aus. Am Ende der Veranstaltung stand die wenig überraschende Erkenntnis, dass Abriss nicht immer die beste Lösung ist. Vielmehr geht es darum, wirtschaftlich tragfähige und zugleich ökologische Konzepte für den Bestand zu entwickeln. Der Weg zu einer zukunftsfähigen Stadt führt über Erhalt, Sanierung und kluge Nutzung.

Die „Pyramdide“ am Kreuzberger Hafenplatz: Über einen möglichen Abriss oder die Sanierungsfähigkeit des Gebäudes wird seit Jahren debattiert. / © Foto: Wikimedia Commons, Matthias Grünzig

Umstrittene Abrisspläne in Friedrichshain: Das SEZ soll nach Wünschen des Berliner Senats einem Wohnquartier weichen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

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Alexander Stumm, Professor an der TH Lübeck, stellte Strategien gegen Abriss vor. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: Hermann-Henselmann-Stiftung, Architektenkammer Berlin, Berliner Mieterverein, Initiative „Offene Mitte Berlin“, Initiative „SEZ für alle“

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