Berlin erlebt eine neue Abrisswelle und damit eine hitzige Debatte über den Verlust von Architektur, Stadtgeschichte und dringend benötigtem Wohnraum. Drei aktuelle Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Hintergründe und Pläne sind. Am 10. September diskutiert die Hermann-Henselmann-Stiftung in der Stadtwerkstatt über Alternativen zum Abriss.
© Foto Titelbild: ENTWICKLUNGSSTADT
Berlin steht vor einer Serie von Gebäudeabbrüchen, von Wohnhäusern über ehemalige Freizeitkomplexe bis hin zu markanten Nachkriegsbauten. Befürworterinnen und Befürworter verweisen auf städtebauliche Chancen, Gegnerinnen und Gegner auf den Verlust von Bausubstanz, Geschichte und bezahlbarem Wohnraum.
Die Hermann-Henselmann-Stiftung greift das Thema am 10. September in einer öffentlichen Veranstaltung auf. In der Stadtwerkstatt in Mitte berichten Initiativen und Fachleute über Strategien gegen den Abriss und mögliche Alternativen. Ziel ist, erfolgreiche Ansätze zu diskutieren und Netzwerke zu stärken.
Beispiel 1: SEZ in Friedrichshain weicht einem neuen gemischtem Quartier

Das SEZ wurde 1981 als Freizeitzentrum der DDR eröffnet und war über Jahre hinweg ein wichtiger Anlaufpunkt für Sport und Erholung. Ob das Gebäude nun saniert oder vollständig abgerissen werden soll, sorgt in der Hauptstadt immer wieder für hitzige Debatten. / © Foto: IMAGO / Jürgen Ritter
Das ehemalige Sport- und Erholungszentrum (SEZ) an der Landsberger Allee steht seit 2002 leer und verfällt zunehmend. Die Eigentümerin WBM plant hier ein neues, gemischtes Stadtquartier mit 550 Mietwohnungen, einer Schule, einer Kita und Grünflächen. Ein Erhalt des nicht denkmalgeschützten DDR-Baus ist nicht vorgesehen.
Einige Abgeordnete und Initiativen fordern eine unabhängige Prüfung der Sanierungsfähigkeit. Ein Gutachten bescheinigt dem Tragwerk gute Werte und sieht eine Sanierung als günstiger an als einen Neubau. Die WBM hält dennoch am Abriss fest. Erste Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie werden Ende 2025 erwartet.
Beispiel 2: Mollstraße 4 in Mitte — Vom DDR-Wohnhaus zum Hotelprojekt

In unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz ist der Abriss eines Apartmenthauses abgeschlossen und einem Hotelneubau gewichen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
In Mitte verschwindet mit dem Abriss des Apartmenthauses an der Mollstraße 4 ein weiteres Relikt der DDR-Moderne aus dem Stadtbild. Der neungeschossige Bau aus den frühen 1970er-Jahren bot einst über 200 Einzimmerwohnungen, zunächst für Arbeiterinnen und Arbeiter, später als Hotel genutzt. Seit der Schließung 2019 stand das Gebäude leer und verfiel zusehends. Der Bezirk hatte eine Sanierung und Integration in das benachbarte Quartiersprojekt Haus der Statistik vorgeschlagen, um dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Der private Eigentümer hält jedoch an anderen Plänen fest.
Das Grundstück wird künftig ein Hotel der Marke „Voco“ beherbergen. Geplant sind 440 Zimmer auf rund 14.650 Quadratmetern Bruttogeschossfläche, ergänzt durch öffentliche Bereiche wie eine Lobby und begrünte Fassaden. Projektentwickler ist die Hilpert Gruppe, betrieben wird das Haus von Novum Hospitality. Der Baubeginn ist für Mitte 2026 angesetzt, die Eröffnung für Ende 2028. Damit rückt statt der von Bezirk und Politik geforderten Rückkehr zu Wohnnutzung ein weiteres Großhotel in zentraler Lage in den Fokus, während die künftige Nutzung möglicher Büroflächen noch offen bleibt.
Beispiel 3: Pyramide am Hafenplatz in Kreuzberg — Symbol der West-Berliner Nachkriegsmoderne

Der Gebäudekomplex „Pyramide“ befindet sich am Hafenplatz in direkter Nähe zum Mendelssohn-Bartholdy Park in Kreuzberg. Rund 100 Initiativen fordern den Erhalt des Gebäudes und die Sicherung im Rahmenplan des Bezirks. / © Foto: Matthias Grünzig
In Kreuzberg will das Unternehmen Art Project gemeinsam mit der GEWOBAG das Quartier „Kulturhafen“ entwickeln. Dafür sollen mehrere Gebäude aus den 1970er-Jahren weichen, darunter die markante „Pyramide“. Sie bot ehemals 363 Studentenwohnungen und zahlreiche Gewerbeflächen.
Die Initiative Offene Mitte Berlin fordert den Erhalt als Modellprojekt für nachhaltige Sanierung. Kritikerinnen und Kritiker warnen vor Verdrängung der derzeitigen Bewohnerinnen und Bewohner, darunter auch geflüchtete Menschen. Der Bezirk arbeitet an einem Rahmenplan, der über Abriss oder Erhalt entscheiden wird.
Hermann-Henselmann-Stiftung lädt im September zur Diskussion über „Alternativen zum Abriss“ ein
Die Veranstaltung „Alternativen zum Abriss“ findet am 10. September 2025 von 19 bis 21 Uhr in der Stadtwerkstatt (Karl-Liebknecht-Straße 11) statt. Vertreterinnen und Vertreter von Initiativen wie SEZ für alle, der Anti-Abriss-Allianz und Fachleute aus Architektur und Stadtplanung stellen Erfahrungen vor und diskutieren Strategien gegen den Abriss.
Ziel ist es, Instrumente zu identifizieren, mit denen mehr Bausubstanz in Berlin erhalten werden kann und Beispiele zu finden, die zeigen, wie Modernisierung und Stadtentwicklung ohne vollständigen Neubau gelingen können.
Quellen: Hermann-Henselmann-Stiftung, Initiative Offene Mitte Berlin, Entwicklungsgesellschaft Quartier am Hafenplatz mbH, Architektur Urbanistik Berlin, Kulturraum GmbH, NOVUM Hospitality, Hupe Flatau Partner, Mercure-Hotelgruppe, Tagesspiegel,
Jetzt PLUS-Kunde werden
Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.
Tags (Schlagwörter) zu diesem Beitrag
One Comment
Hinterlasse einen Kommentar Antwort abbrechen
Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.




Arme raus ,Reiche rein .