Kaum freigegeben, steckt der 16. Bauabschnitt der A100 mitten im Stau, und die Verkehrspolitik Berlins gleich mit. Der teuerste Autobahnabschnitt Deutschlands sorgt nur Tage nach seiner Eröffnung für Staus, Sperrungen und heftige politische Debatten. Zwischen Befürwortern des Weiterbaus und Forderungen nach einer sofortigen Schließung prallen unvereinbare Positionen aufeinander.

Am Mittwoch ging es endlich los: Die ersten Autos rollten kurz nach 16 Uhr über den frisch verlegten Asphalt der neuen Stadtautobahn-Trasse im Berliner Osten. Mittlerweile jedoch sieht es dort meist nicht mehr so beschaulich aus wie auf diesem Bild. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

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Am Mittwochnachmittag wurde in Berlin ein weiterer Abschnitt der Stadtautobahn A100 in Betrieb genommen. Der 16. Bauabschnitt führt vom Autobahndreieck Neukölln bis zur neuen Anschlussstelle Treptower Park und erweitert die bestehende Trasse um rund 3,2 Kilometer. Mit Gesamtkosten von über 720 Millionen Euro gilt er als bislang teuerster Autobahnabschnitt Deutschlands.

Während offizielle Vertreter der Autobahn GmbH des Bundes und zahlreiche geladene Gäste den symbolischen Start bereits um 13 Uhr feierten, mussten sich Autofahrerinnen und Autofahrer bis in den späten Nachmittag gedulden. Erst gegen 16 Uhr wurden die Sperrzäune abgebaut, und die ersten Fahrzeuge rollten über die frisch asphaltierte Strecke.

Neue A100: Am Freitag musste wegen eines Staus die neue Trasse voll gesperrt werden

Nachdem der Verkehr in den ersten zwei Tagen noch relativ beschaulich über die neue Autobahn lief, war schon am Freitag ein erster herber Dämpfer zu vernehmen. Mehrere Staus bildeten sich, einige Autofahrer brauchten für die rund drei Kilometer lange Strecke mehr als 20 Minuten. Am Freitag musste ein Teil der neuen Strecke sogar kurzzeitig gesperrt werden.

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Auf dem 16. Bauabschnitt kam es laut Verkehrsinformationszentrale aufgrund starker Überlastung zu einem Rückstau in Richtung des Autobahnendes in Treptow. Da ein Stillstand im Tunnel unbedingt vermieden werden müsse, wurde der betroffene Abschnitt vorsorglich gesperrt, wie die Zentrale laut Berliner Morgenpost über den Kurznachrichtendienst Bluesky mitteilte.

Erwartete Staufalle Elsenbrücke in Treptow: Rückstau bis auf die neu eröffnete A100

Der neue Abschnitt endet am Treptower Park, wo eine Ampel den Verkehrsfluss reguliert. Da die nahegelegene Elsenbrücke über die Spree in Richtung Friedrichshain derzeit saniert wird und lediglich einspurig zur Verfügung steht, hatten Fachleute bereits Engpässe prognostiziert.

Um die Belastung zu steuern, gibt die Ampel am Autobahnende nur eine begrenzte Zahl an Fahrzeugen frei. Dadurch kann es auf der A100 schnell zu Rückstaus kommen, wie es am Freitag und auch Samstag prompt passiert ist. Und dies, obwohl in Berlin noch eine Woche Ferienzeit. Das bedeutet, der erste wirkliche Stresstest für das neue Verkehrskonzept kommt erst noch.

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Verkehrsexperte fordert dauerhafte Schließung des neuen A100-Abschnitts

Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin forderte im Tagesspiegel anschließend sogar eine vollständige Schließung des neu eröffnete Abschnitts, bis der Neubau der Elsenbrücke vollständig abgeschlossen ist. Das wäre, nach aktuellem Planungsstand, in frühestens drei Jahren. Denn vor 2028 soll die neue Elsenbrücke nicht fertig werden – wenn keine ungeplanten Verzögerungen auftreten.

Die Schließung des 16. Bauabschnitts bis zur vollständigen Wiedereröffnung der Elsenbrücke muss ins Denkbare rücken und von der zuständigen Autobahn GmbH erwogen werden. (…) Davor die Augen zu verschließen, hilft nicht weiter„, so Knie.

Andreas Knie: „Es wird zu heftigen Stauungen und dementsprechend auch Sperrungen kommen.“

Auch Knie rechnet mit einer Eskalation der Verkehrssituation nach den Ferien: „Es wird zu heftigen Stauungen und dementsprechend auch Sperrungen kommen.“ Die Eröffnung des 16. Bauabschnitts noch vor der Wiederinbetriebnahme der Elsenbrücke sei nach Einschätzung des Verkehrsexperten ein gravierender Fehler gewesen.

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So argumentiert er, dass damit eine zuvor funktionierende Situation künstlich verschärft wurde und die Autobahn zusätzlichen Verkehr anziehe, der zuvor nicht in diesem Ausmaß vorhanden war. Auch die Grünen-Fraktion hatte seit Monaten gewarnt, die Freigabe könne ohne ein abgestimmtes Verkehrskonzept zu Chaos führen. Ein entsprechender Antrag auf eine Leistungsfähigkeitsanalyse war jedoch abgelehnt worden.

Grüne und Linke fordern Sperrung bis zum Abschluss des Elsenbrücken-Neubaus

Dass der Abschnitt bereits am zweiten Tag nach seiner Eröffnung wegen Überlastung gesperrt werden musste, sehen Kritiker als Beleg dafür, dass ein weiterer Ausbau von Stadtautobahnen in modernen Metropolen keinen Sinn ergebe.

In anderen Städten würden solche Trassen inzwischen sogar zurückgebaut. Die Autobahn GmbH des Bundes, verantwortlich für Bau und Betrieb, hat sich laut Tagesspiegel zu den Forderungen bislang nicht geäußert und weder Angaben zu möglichen Sperrungen noch zu kurzfristigen Gegenmaßnahmen gemacht.

CDU-Verkehrsexperte Lars Bocian: Stau war vorher schon da, nur auf anderen Straßen

Der CDU-Verkehrsexperte Lars Bocian betonte gegenüber der B.Z., dass Staus in der betroffenen Region schon vor der Eröffnung existierten, nun jedoch sichtbar auf der Autobahn. Zuvor sei der Stau lediglich auf anderen Straßen vorhanden gewesen, doch die Situation sei nicht grundlegend neu.

Forderungen nach einer Sperrung des neuen Abschnitts wies Bocian als nicht zielführend zurück und verwies darauf, dass die angespannte Verkehrslage die Notwendigkeit des 17. Bauabschnitts verdeutliche. Eine Entlastung sei ohnehin erst mit der Fertigstellung der Elsenbrücke zu erwarten, und letztlich mit einem Weiterbau der Stadtautobahn bis nach Prenzlauer Berg.

Anders positionierte sich wiederum Kristian Ronneburg von der Linksfraktion. Er sprach sich dafür aus, die Strecke im Zweifel wieder zu schließen, falls sich nach den Sommerferien zeige, dass Staus und Sperrungen zum Dauerzustand würden – zumindest bis die neue Elsenbrücke vollständig nutzbar sei.

720 Millionen Euro teuer und nur wenige Tage alt: Schon jetzt wird der 16. A100-Abschnitt von Stau, Sperrungen und politischen Forderungen überschattet. Die Diskussion zeigt, wie zerstritten Berlin über seine Verkehrszukunft ist. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT

Quellen: Aktionsbündnis A100 stoppen, Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Autobahn GmbH des Bundes, RBB, Berliner Morgenpost, Autobahn GmbH des Bundes, Verkehrsinformationszentrale, Bluesky, Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin, Der Tagesspiegel, B.Z.

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