Am westlichen Stadteingang Berlins könnte ein über 200 Meter hohes Hochhaus entstehen. Im Baukollegium wurde der „Messeturm Berlin“, der unweit des Autobahndreiecks Funkturm errichtet werden soll, erstmals vorgestellt und sorgte sofort für kontroverse Reaktionen zwischen Projektentwicklern, Stadtplanern und Denkmalschützern.

179, 200 oder 224 Meter? Die Pläne für einen „Messeturm“ in Halensee versprechen einen städtebaulichen Impuls für die City West. Doch das Baukollegium zweifelt, ob ein Hochpunkt an dieser sensiblen Stelle mit dem bestehenden Masterplan vereinbar ist. / © Visualisierung: REALACE GmbH
© Visualisierungen: REALACE GmbH
Am westlichen Stadteingang Berlins, direkt an der Stadtautobahn A100 in Halensee, könnte eines der höchsten Gebäude der Hauptstadt entstehen. Im Berliner Baukollegium wurde am Montag erstmals öffentlich ein Hochhausprojekt vorgestellt, das als „Messeturm Berlin“ oder „Expo Tower Berlin“ firmiert; ein Vorhaben, das weit über 200 Meter in den Himmel ragen könnte. Die Reaktionen darauf fielen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aus.
Die Initiatoren Hakki und Kenan Şimşek, Eigentümer der Liegenschaft an der Halenseestraße 32, sehen in dem Projekt ein „Impulsprojekt für die City West“. Vorgestellt wurde das Vorhaben unter Leitung von Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt im Baukollegium. Die weitere Ausarbeitung soll gemäß dem Berliner Hochhausleitbild über ein wettbewerbliches Werkstattverfahren und ein anschließendes Bebauungsplanverfahren erfolgen.
Stadteingang West: Impulsprojekt mit Messebezug und neuer Westkreuz-Anbindung
Aus Sicht der Projektentwickler handelt es sich beim Standort um einen der strategisch wichtigsten Stadträume Berlins. Zwischen Messegelände, Bahninfrastruktur und Autobahn fehle bislang eine räumliche und funktionale Verbindung. Genau hier soll der von ihnen konzipierte Turm ansetzen.
Geplant ist ein vertikal geschichteter „Stadtbaustein“, entworfen von den Architekturbüros Max Dudler und C.F. Møller Architects in unterschiedlichen Varianten. Drei Höhenstudien mit 179, 200 und 224 Metern wurden präsentiert.
Wie hoch soll der „Messeturm Berlin“ werden: 179, 200 oder 224 Meter?
In den unteren Geschossen ist ein öffentliches Stadtfoyer vorgesehen, ergänzt durch Nahversorgung, Gesundheitsangebote und Aufenthaltsbereiche. In mittleren Ebenen sollen messebezogene Showrooms, Konferenzflächen und Büros entstehen. In den oberen Geschossen sind temporäre Wohnangebote und Hotelnutzungen geplant.
Ein zentraler Bestandteil des Konzepts ist die Verbesserung der Erschließung am Bahnhof Westkreuz. Eine neue Brückenverbindung soll barrierearme Zugänge schaffen und den Verkehrsknoten funktional stärken, wie es heißt. Der Turm, so die Argumentation der Planer, könne als Hochpunkt Orientierung stiften und den bislang infrastrukturell dominierten Raum städtebaulich aufwerten.
Baukollegium: Hochhausstrategie widerspricht bestehendem Masterplan
Doch im Baukollegium stieß das Vorhaben auf deutliche Skepsis. Seit Jahren existiert ein Verfahren für das Großprojekt „Stadteingang West“, das auf dem ehemaligen Güterbahnhof Grunewald bis 2045 entwickelt werden soll. In diesem Masterplan wurde bewusst auf neue Hochpunkte verzichtet.
Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt verwies darauf, dass man sich im Wettbewerb explizit gegen eine solche Hochhausstrategie entschieden habe. Auch Projektverantwortliche für den Stadteingang West machten deutlich, dass höhere Baukörper in früheren Planungsphasen verworfen worden seien.
Hochhäuser am Dreieck Funkturm: Die Idee ist nicht völlig neu
Das Baukollegium betonte, dass eine Verschiebung der Planung mit Schwerpunkt auf Höhenentwicklung einen grundlegend anderen Ansatz darstelle. Zwar erkenne man das Engagement der Planer an, doch die Solitärstrategie führe nicht weiter.
Das Westkreuz gelte weiterhin als verkehrlich schwer zugänglicher „Unort“. Viele Fragen zur Erdgeschossnutzung und zur tatsächlichen Anbindung an die Messe blieben offen. Hakki und Kenan Şimşek sind nicht die ersten, die an dieser Stelle den Bau von Hochhäusern vorschlagen, auch Architekt Christoph Langhof hatte am Autobahndreieck Funkturm schon einmal eine Skyline aus mehreren Hochhäusern entworfen.
Denkmalschutz und Stadtsilhouette: Konflikt mit Funkturm und ICC?
Besonders kritisch äußerten sich Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bereich Denkmalschutz. Ein Turm mit über 200 Metern Höhe wäre in weiten Teilen der Stadt sichtbar und würde zahlreiche denkmalgeschützte Bauwerke in seinem Umfeld berühren.
Genannt wurden unter anderem der Funkturm Berlin, das ICC sowie die Avus-Tribüne. Der Respekt vor diesen prägenden Bauwerken müsse gewahrt bleiben, hieß es. Ein Hochhaus dieser Dimension sei an dieser Stelle städtebaulich nicht angemessen.
Die Initiatoren argumentieren hingegen, der Turm stehe nicht in Konkurrenz zu den bestehenden Wahrzeichen, sondern könne als eigenständige Landmarke funktionieren. Gerade im lauten, bislang untergenutzten Umfeld der Autobahn liege die Chance, neue urbane Qualität zu schaffen.
Zwischen Hochhausleitbild und Realpolitik: Wie geht es weiter mit dem „Messeturm“?
Die Debatte fällt in eine Zeit, in der Berlin sein Hochhausleitbild aktualisiert hat, um Hochpunkte unter bestimmten Voraussetzungen zu ermöglichen. Dennoch bleibt der Standort Halensee planerisch sensibel. Der Stadteingang West ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte der kommenden Jahrzehnte und politisch wie fachlich eng abgestimmt.
Hinzu kommt die aktuelle Nutzung des Grundstücks: Derzeit befindet sich dort das Großbordell „Artemis“. Nach den Plänen der Eigentümer würde der Betrieb verlagert und das Gebäude abgerissen. Doch ob das Projekt „Messeturm“ tatsächlich realisiert wird, ist mehr als offen, spätestens nach der heutigen Sitzung des Baukollegiums.
Quellen: Ketano Gesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit, REALACE GmbH, Berliner Baukollegium, Max Dudler, C.F. Møller Architects
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6 Kommentare
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Wo ist das denn bitte eine „sensible“ Stelle? Das ist doch städtebauliches Niemandsland. Dieses Baumkollegium sollte abgeschafft werden.
Irgendein Investor stellt mal wieder eine Hochhausidee an einer Stelle vor, wo alle sein Ding sehen sollen. Nutzung stets unklar – irgendwas mit Messeturm oder Expo klingt gut.
Ähem, Jungs – macht das Türmebauen lieber weiter mit Lego. Wir brauchen keine Büroblase in der Stadt, sondern WOHNUNGEN. Im Kiez und nicht im Niemandsland.
Ich finde solche Hochbauten grundsätzlich gut in einer Großstadt, aber sie sollten an den Hauptplätzen plaziert sein, also Kudammplätze wie Breitenbach oder auch am Adenauer vorstellbar. Hier wie vorgeschlagen bietet sich der Ort auch für einen Hochbau an, aber deutlich niedriger, sollte den Funkturm nicht übertrohnen.
Der Regierende Kai Wegner wünscht sich für Berlin eine Skyline wie in New York oder Frankfurt, zur selben Zeit wird jedes Hochhaus-Projekt im Baukollegium abgeschmettert und auf irgendein denkmalgeschütztes Gebäude verwiesen, welches sich im Umkreis von einem Kilometer befindet. Einerseits wurden Standorte an der Ringbahn als geeignete Hochhaus-Standorte genannt, andererseits werden dann Projekte an diesen Standorten ohne Alternativ-Angebote abgelehnt. Das Baukollegium fungierte all die Jahre stets als ein Bauverhinderungskollegium. Ich verstehe auch gar nicht, warum irgendein Investor sich die Mühe macht, da irgendwas vorzustellen. Das einzige, was genehmigt wird, sind schier langweilige kastenförmige Schuhboxen mit Raster-Architektur und 20 – 30 Metern Höhe.
Ihr Kommentar und auch andere zeigen doch erst, dass sie sich kaum mit dem Baukollegium auseinandergesetzt haben, sondern immer nur die Ergebnisse lesen, sich aber über die Herleitung überhaupt keine Gedanken gemacht haben.
Dabei erklärt der Artikel ja eigentlich sogar schon einiges. Es existiert seit Jahren ein Werkstattverfahren zum Stadteingang West, indem schon alle erdenklichen städtebaulichen Potentiale durchgespielt wurden, unter anderem auch Hochpunkte. Die wurden dort klar abgelehnt. Jetzt also neuerlich mit einem solchen Projektvorschlag aufzuschlagen, ist legitim, aber kontrakariert den laufenden städtebaulichen Prozess zu diesem Gebiet.
Die Senatsbaudirektorin hat stellvertretend noch einmal die gewichtigen Kritikpunkte gegenüber einem Hochpunkt mit deutlicher Dominanz angeführt, die sich schon aus dem Werkstattverfahren hervorgegangen und damit lange bekannt sind. Einerseits die sehr schwierige Verkehrssituation. Weder der Raum noch der bestehende S-Bahnhof geben das Fundament her, einen über 200m-Turm mit 100.000qm Nutzfläche langfristig zu halten. Das Westkreuz ist nahezu ausschließlich ein Umsteigebahnhof, im Unterschied dazu stehen andere Knotenpunkte mit Hochhausentwicklung, die schon seit vielen Jahren oder Jahrzehnten als zentrale Anlaufpunkte Berlins gelten (Zoo, Alex, Ostbahnhof, Hbf., Schöneberg, Treptower Park, Friedrichstr.). Überhaupt nicht zu vergleichen, zumal der Bahnhof krass abgeschnitten ist von jedwedem urbanen Leben durch die großdimensionierte Autobahn an dem Ort.
Die Planer sahen für den „Messeturm“ viel öffentliche Funktion vor neben Nutzungsangeboten im Messekontext. Weder das eine oder andere haben sie in ihrer Konzeptplanung aber vertieft und detailliert erläutern können. Es blieb sehr vage und konzentrierte sich eher auf die städtebauliche Impuls- und Auftaktfunktion. Das ist ja ganz nett, reicht aber im Hinblick auf die Komplexität des Betriebs eines Hochhauses überhaupt nicht aus, speziell nicht an einem solch toten Ort.
Die Schwierigkeit an dem Ort ist nicht die bauliche Typologie, sondern die völlig fehlende Urbanität und bisherige Funktionslosigkeit. Wer dort bauen will, muss ein sehr überzeugendes, stichhaltiges und substanzielles Nutzungskonzept in petto haben. Davon kann beim „Messeturm“-Konzept keine Rede sein, ich hab mir die ganze Sitzung angeschaut und das Konzept war extrem oberflächlich. Selbst mit der Messe waren die Projektverantwortlichen bisher nur informell übereingekommen, dass es seitens der Messe Bedarf nach bestimmten Angeboten gibt, die die Messe selbst nicht leisten kann (Hotel, Showrooms zB.). Aber das allein reicht nicht, um dort einen 200m-Turm zu bauen.
Und zum Thema Denkmalschutz: nun, auch da sind die Projektverantwortlichen vor allem selbst verantwortlich. Das Denkmalschutzamt hat von denen nur oberflächliche Unterlagen mit städtebaulichen Ansichten bekommen. Man könnte annehmen, dass man sich da mehr Mühe gibt, um etwaige Bedenken seitens des Denkmalschutzes auszuräumen bei einem 200m-Turm, der den Funkturm deutlich überragen würde.
Es war ein mutiger Vorschlag, aber viel zu schwach auf der Brust. Beim Geschäftsführer von Max Dudler Architekten hatte ich das Gefühl, ihm gehts vor allem um Renomee und die Fortführung seines Werks, immerhin war er schon am Estrel Tower beteiligt. Er hat sich stark darauf berufen, aus den stark dominanten Solitär-Landmarken quasi eine ganze Serie zu machen. Nach dem Motto TrepTowers >>> Estrel >>> Gasometer Schöneberg >>> Messeturm. Das ist städtebaulich schon ziemlich naiv und viel zu einfach, nach so einem Ansatz puzzelt man sich im Stadtplanungs-Studium im 1. Semester sein erstes Konzept zusammen. Kriegst vielleicht ein Lob für „konsequente Fortführung des Bestands“, aber mit Sicherheit auch die Kritik, dass es natürlich um viel mehr geht als nur die Skyline.
Und ja, um den Vergleich mit dem Estrel zu ziehen. Der zweite Estrel Tower kam, weil der Standort seit Jahrzehnten ein etablierter Hotelstandort ist mit etablierter Verkehrsanbindung und einem Management, was über die Jahre erfolgreich bewiesen hat, dort so einen Standort zu unterhalten. Und sich das auch mit einem niedrigeren Turm erst einmal organisch erarbeitet haben, diese Position. Petra Kahlfeldt hat das in ihrem Feedback ähnlich geäußert, solch ein extrem hoher Solitär kann als Auftakt dort diese Funktion nicht erfüllen. Man muss sich dort niedrigschwelliger herantasten, statt mit dem städtebaulichen „Brecheisen“…
Jemand fragte: „Wie lange soll man in Berlin noch auf „richtige“ Hochhäuser/ Wolkenkratzer – mit auch über 200/300 m Höhe – warten müssen?
Etwa bis alle dt. „Mini-Metropolen“ – Hamburg, Köln, Düsseldorf und Co. – damit „versorgt“ sind, kommt dann auch das noch immer durch Max.-100-m-Plattenbauten geprägte Berlin dran oder selbst dann nicht- damit Berlin bloß kein ernsthafter Konkurrent um Konzernzentralen wird, damit die Provinz weiter glänzt und Berlin weiter verkommt, damit sich die aus Frankfurt/M., Stuttgart und München zugezogenen „Aussteiger“ – deren Eltern in führenden Positionen bei Ur-Berliner Konzernen wie Deutsche Bank und Allianz in den „übersaturierten Teilungsgewinnlerstädten“ arbeiten – im „billigen“ Berlin weiter maximal-wohlfühlen?:)“