Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz wurde vor 100 Jahren als Modellprojekt des sozialen Wohnungsbaus errichtet. Heute gilt sie als UNESCO-Welterbe und beispielhaftes Zeugnis für eine gelungene Verbindung von Architektur, Städtebau und gesellschaftlicher Verantwortung. Zum Jubiläum blickt Berlin auf ein Jahrhundert städtebaulicher Vision zurück – und auf eine Wohnidee, die aktueller ist denn je.
© Foto Titelbild: Wikimedia Commons, Sebastian Trommer, CC BY-SA 3.0
Vor einem Jahrhundert begann in Berlin-Britz der Bau eines Wohnquartiers, das Architekturgeschichte schreiben sollte: die Hufeisensiedlung. Als wegweisendes Projekt der Weimarer Republik entstand sie zwischen 1925 und 1933 unter der Leitung von Architekt Bruno Taut und Stadtbaurat Martin Wagner. Die Planer verfolgten ein ambitioniertes Ziel: Die Wohnsituation breiter Bevölkerungsschichten durch funktionale, lichtdurchflutete und bezahlbare Wohnungen entscheidend zu verbessern.
Anstelle dunkler Mietskasernen traten farbige Fassaden, klare Bauformen und großzügige Grünflächen. Bis heute gilt die Siedlung als städtebauliches Musterbeispiel für sozial verantwortliches Bauen – ein Anspruch, der in Zeiten erneuter Wohnungsnot kaum an Relevanz verloren hat.
Hufeisensiedlung in Berlin-Britz: Städtebauliches Vorbild mit Wiedererkennungswert
Herzstück des Ensembles ist das namensgebende, hufeisenförmige Wohngebäude, das sich um einen zentralen Teich schmiegt. Ergänzt wird es durch über 1.000 Wohnungen in Reihen- und Mehrfamilienhäusern, eingebettet in eine sorgfältig geplante Gartenlandschaft. Dabei folgt die Architektur dem Prinzip des „Neuen Bauens“: klare Linien, farbige Akzente, durchdachte Grundrisse.
Besonderes Augenmerk legten die Planenden auf den sozialen Anspruch. Jede Wohnung verfügte über ein eigenes Bad und eine Küche – ein Komfort, der zur damaligen Zeit nur besser gestellten Haushalten vorbehalten war. Zugleich wurde großer Wert auf eine harmonische Verbindung von Wohn- und Freiraum gelegt.
„Siedlungen der Berliner Moderne“: Vom sozialen Wohnprojekt zum Weltkulturerbe
Die Errichtung der Hufeisensiedlung erfolgte durch die gewerkschaftsnahe Wohnungsbaugesellschaft GEHAG. Ihr Ziel war es, menschenwürdigen Wohnraum für Arbeiterinnen und Arbeiter zu schaffen – bezahlbar, funktional und architektonisch anspruchsvoll. Der Erfolg des Projekts trug maßgeblich dazu bei, neue Standards im kommunalen Wohnungsbau zu etablieren.
Nach Jahrzehnten wechselvoller Nutzung wurde die Siedlung 2008 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen – als eine von sechs „Siedlungen der Berliner Moderne“. Seitdem steht sie nicht nur unter Denkmalschutz, sondern gilt auch international als Vorbild für sozial orientierte Stadtentwicklung.
Zwischen Denkmalschutz und Eigentumswandel: Förderverein engagiert sich für Erhalt der originalen Baustruktur in Britz
Mit dem Verkauf der GEHAG in den späten 1990er-Jahren und der anschließenden Privatisierung eines Teils der Gebäude wandelte sich die Eigentümerstruktur. Während das zentrale Hufeisen bis heute einem großen Immobilienunternehmen gehört, wurden viele der Reihenhäuser an Einzelpersonen verkauft. Dies führte zu unterschiedlichen Herangehensweisen an Pflege und Gestaltung – nicht ohne Spannungen im denkmalgeschützten Gefüge.
Ein eigens gegründeter Förderverein engagiert sich daher für den Erhalt der originalen Bau- und Farbstruktur und betreibt ein Informationszentrum. Das Projekt „Tautes Heim“, ein museal eingerichtetes Reihenhaus, macht die Wohnidee der 1920er Jahre heute erlebbar.
Jubiläumsprogramm will Berliner Hufeisensiedlung würdigen und erlebbar machen
Anlässlich des 100-jährigen Bestehens finden seit dem 23. Juli zahlreiche Veranstaltungen statt, organisiert vom Landesdenkmalamt, dem Förderverein und lokalen Initiativen. Lesungen, Führungen, Konzerte und Ausstellungen laden dazu ein, die Hufeisensiedlung in all ihren Facetten zu entdecken. Neben der historischen Würdigung wird auch diskutiert, welche Lehren die heutige Stadtplanung aus dem Modell der 1920er Jahre ziehen kann.
Die Botschaft ist klar: Bezahlbarer, gut gestalteter Wohnraum darf kein Auslaufmodell sein. Die Siedlung zeigt, dass architektonische Qualität, soziale Verantwortung und städtebauliche Vision miteinander vereinbar sind – und liefert damit wertvolle Impulse für aktuelle wohnungspolitische Debatten.
Quellen: rbb24.de, Wikipedia, berlin.de, tip-berlin.de, Pressemitteilung der Vonovai SE zum Jubiläum „100 Jahre Grundsteinlegung der Hufeisensiedlung“, unesco-welterbe.de
Jetzt PLUS-Kunde werden
Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein PLUS-Abonnement.




