Die Berliner Stadtgesellschaft hat zehn Handlungsempfehlungen für die Olympia-Bewerbung „BERLIN+“ erarbeitet. Das Konzept umfasst konkrete Vorschläge für Vereine, Wohnraum, Mobilität, Klimaschutz, Inklusion und Kultur.

Die Visualisierung zeigt, wie es bei den Olympischen Spielen in Berlin rund um die Siegessäule aussehen könnte. / © Visualisierung: Kulturprojekte Berlin
© Titelbild / Visualisierung: Kulturprojekte Berlin
Berlin hat die erste Beteiligungsphase für seine Olympia-Bewerbung abgeschlossen. Das Ergebnis ist eine Bürgercharta, die weit über allgemeine Leitlinien hinausgeht. Sie beschreibt, welche Verbesserungen Olympische und Paralympische Spiele für den Alltag in Berlin bringen sollen – und welche Bedingungen die Stadtgesellschaft an das Konzept „BERLIN+“ knüpft.
Die zehn Handlungsempfehlungen reichen vom kostenlosen Nahverkehr während der Spiele bis zu bezahlbarem Wohnraum im späteren Olympischen Dorf. Hinzu kommen konkrete Vorschläge für den Vereinssport, das Ehrenamt, die lokale Wirtschaft und die Berliner Kulturszene. Die Empfehlungen sind in das finale Bewerbungskonzept eingeflossen.
Bürgerbeteiligung für das Konzept „BERLIN+“
Die Bürgercharta entstand aus mehreren Beteiligungsformaten. Berlinerinnen und Berliner konnten Vorschläge über die Plattform mein.berlin.de einreichen und bewerten. Eine Kiez-Tour brachte den Dialog in alle zwölf Bezirke. Darüber hinaus beteiligten sich Organisationen, Vereine, Institutionen und Interessenvertretungen aus Sport, Kultur, Wirtschaft, Sozialem und Umwelt an Workshops.
Ein repräsentativ ausgelostes Bürgerforum verdichtete die Beiträge anschließend zu gemeinsamen Empfehlungen. Ein ebenfalls repräsentativ zusammengesetztes Jugendforum entwickelte eigene Vorschläge. Die Beteiligung sollte nicht über ein Ja oder Nein zu Olympia entscheiden. Sie konzentrierte sich darauf, unter welchen Bedingungen die Spiele zu Berlin passen könnten.
1. Ehrenamtliche sollen durch Olympia bessere Bedingungen erhalten
Der erste Punkt betrifft die Menschen, ohne die weder der Vereinssport noch die Organisation großer Veranstaltungen funktionieren würde. Die Bürgercharta fordert eine digitale Plattform, die Interessierte mit passenden Aufgaben im Ehrenamt zusammenbringt. Der Einstieg in den ersten Übungsleiterschein soll kostenfrei werden.
Ergänzend nennt die Charta Qualifizierungs- und Mentoringprogramme, transparente Aufwandsentschädigungen sowie neue Formate zur Anerkennung freiwilliger Arbeit. Damit verbindet die Olympia-Bewerbung kurzfristige Anforderungen an Helferinnen und Helfer mit einer langfristigen Stärkung des Berliner Sports.
2. Berliner Sportvereine sollen von Olympia dauerhaft profitieren
Die zweite Empfehlung richtet den Blick auf die gesamte Sportentwicklung – vom ersten Training im Kiez bis zum Leistungssport. Vereine sollen langfristige und verlässliche Förderungen erhalten. Außerdem fordert die Stadtgesellschaft einen besseren Zugang zu Sportstätten für Vereine und Nachwuchsgruppen.
Schulen, Vereine und der Leistungssport sollen systematischer zusammenarbeiten. Die Bürgercharta schlägt außerdem vor, Leistungszentren eng mit bestehenden Vereinsstrukturen zu entwickeln. Die Förderung soll dadurch nicht nur einzelnen Spitzenathletinnen und Spitzenathleten zugutekommen, sondern die gesamte Entwicklungskette stärken.

Die Visualisierung zeigt, wie es bei den Olympischen Spielen in Berlin auf dem Tempelhofer Feld aussehen könnte. / © Visualisierung: Kulturprojekte Berlin
3. Nicht nur Olympia: Sport soll in jedem Berliner Kiez möglich sein
Olympia soll nach dem 10-Punkte-Plan nicht auf Stadien und Wettkampfhallen begrenzt bleiben. Die Bürgercharta fordert, Schulhöfe und Sportflächen außerhalb der regulären Nutzungszeiten für die Öffentlichkeit zu öffnen. Bestehende Sportanlagen sollen in allen Bezirken saniert werden.
Auch Parks und öffentliche Plätze spielen eine Rolle. Dort sollen niedrigschwellige Bewegungsangebote entstehen, die Spiel-, Sport- und Grünflächen verbinden. Temporäre Olympia-Infrastrukturen sollen später dem Breitensport dienen. An Grundschulen könnte ein sogenanntes Sport-Karussell Kindern verschiedene Sportarten näherbringen.
4. Olympische und Paralympische Spiele sollen gleichwertig geplant werden
Unter dem Begriff „Allympics“ fordert die Bürgercharta, beide Veranstaltungen von Beginn an gemeinsam zu entwickeln. Barrierefreiheit soll als verbindlicher Baustandard für Infrastruktur, Mobilität, Kommunikation und Service gelten. Auch die mediale Sichtbarkeit der Olympischen und Paralympischen Spiele soll gleichwertig ausfallen.
Geplant werden sollen außerdem Schulungen zu Inklusion und Awareness sowie sichere Begegnungsorte. Als Beispiel nennt die Charta ein „Pride House“. Darüber hinaus schlägt sie vergünstigte Ticketkontingente für Berlinerinnen und Berliner sowie Preisgrenzen für Hotels während der Spiele vor. Ob und wie diese Vorschläge umgesetzt werden, ist noch offen.
5. Der Berliner Nahverkehr soll durch Olympia zuverlässiger werden
Die Mobilität gehört zu den zentralen Themen der Bürgercharta. Dabei fordert die Stadtgesellschaft nicht vorrangig neue Großprojekte. Im Mittelpunkt stehen ein stabiler öffentlicher Nahverkehr, bessere Taktungen und größere Flotten, vor allem außerhalb des S-Bahn-Rings.
Bahnhöfe und Haltestellen sollen schneller barrierefrei werden. Hinzu kommen sichere und durchgängige Fuß- und Radwege, zusätzliche Abstellmöglichkeiten sowie ein abgestimmtes Baustellen- und Verkehrsmanagement. Während der Spiele soll der öffentliche Nahverkehr kostenlos nutzbar sein. Die Forderung schließt die Fahrradmitnahme ein.

Die Visualisierung zeigt, wie die Olympischen Spiele in Berlin aussehen könnten. / © Visualisierung: Kulturprojekte Berlin
6. Das Olympische Dorf soll bezahlbarer Wohnraum werden
Bauliche Projekte sollen laut Bürgercharta von Beginn an auf eine langfristige Nutzung ausgerichtet werden. Für alle Neubauten sowie temporär eingesetzte Bauteile und Strukturen fordert das Papier verbindliche Nachnutzungskonzepte.
Das Olympische und Paralympische Dorf soll nach den Spielen in bezahlbaren Wohnraum umgewandelt werden. Die Charta nennt zudem Sozialquoten, Mietpreisbindungen und einen Vorrang für die Sanierung und Nutzung bestehender Flächen. Eine konkrete Zahl von Wohnungen, ein Standort und ein Zeitplan sind noch nicht abschließend festgelegt.
7. „Olympiawald“: Mehr Stadtgrün und weniger Abfall
Auch Klima- und Umweltschutz bilden einen eigenen Schwerpunkt. Bestehende Gebäude und Anlagen sollen vorrangig genutzt und weiterentwickelt werden. Neubauten kommen nach den Empfehlungen nur dort infrage, wo sie auch nach den Spielen einen langfristigen Nutzen bieten.
Die Bürgercharta schlägt einen vernetzten „Olympiawald“ sowie eine sogenannte Natur-Taxe zur Finanzierung von Klimaprojekten vor. Für alle Spielstätten sollen Zero-Waste-Konzepte gelten. Bei Bau und Betrieb soll erneuerbare Energie zum Einsatz kommen. Diese Punkte sind bislang Handlungsempfehlungen und noch keine beschlossenen Einzelmaßnahmen.
8. Lokale Unternehmen sollen Olympia-Aufträge erhalten
Von der Olympia-Bewerbung sollen nicht nur große Konzerne profitieren. Die Charta fordert kleinere Vergabelose, damit sich auch kleine und mittlere Berliner Unternehmen an Ausschreibungen beteiligen können. Vergabe- und Haushaltsstrukturen sollen transparent organisiert werden.
Als mögliches Beteiligungsmodell nennt das Papier Olympia-Anleihen für Bürgerinnen und Bürger. Lokale Betriebe und Initiativen sollen bei Planung und Umsetzung sichtbar eingebunden werden. Zusätzlich fordert die Stadtgesellschaft Maßnahmen, die starke Preissteigerungen während der Spiele begrenzen.
9. Kultur zur Olympia soll in allen Berliner Bezirken stattfinden
Das kulturelle Programm soll nicht nur die Wettkämpfe begleiten, sondern fester Bestandteil des Olympia-Konzepts werden. Die Bürgercharta schlägt ein stadtweites Kulturprogramm vor, das unter dem Arbeitstitel „Berlinade“ entwickelt werden könnte.
Die freie Kulturszene und lokale Initiativen sollen sich an Planung und Umsetzung beteiligen. Öffentliche Veranstaltungen und Kulturangebote sind in allen Bezirken vorgesehen. Gleiches gilt für Public Viewing. Bei Motto, visueller Gestaltung und Maskottchen soll die Stadtgesellschaft mitentscheiden können.
10. Junge Menschen sollen echte Entscheidungsrechte bekommen
Der letzte Punkt richtet sich an Kinder und Jugendliche. Jugendgremien sollen verbindlich an zentralen Planungs- und Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Die Charta fordert außerdem mehr Partnerschaften zwischen Schulen und Sportvereinen.
Ermäßigte Tickets und feste Kontingente sollen Jugendlichen und Schulklassen den Zugang zu Veranstaltungen ermöglichen. Geplant sind zudem Programme, die junge Menschen selbst entwickeln und umsetzen. Die Bürgercharta verlangt dabei ausdrücklich echte Entscheidungsbefugnisse und nicht nur eine beratende Rolle.
Berlins Olympia-Bewerbung: Finanzierung, Transparenz und historische Verantwortung
Über den zehn Einzelpunkten stehen mehrere grundsätzliche Bedingungen. Investitionen in Olympische und Paralympische Spiele dürfen nach Auffassung der Beteiligten nicht zulasten von Bildung, Sozialem, Gesundheit oder öffentlicher Infrastruktur gehen. Die Finanzierung müsse langfristig gesichert, fair und nachvollziehbar sein.
Die Charta greift auch die kritischen Stimmen aus dem Beteiligungsprozess auf. Genannt werden Sorgen vor steigenden Mieten, zusätzlichen Verkehrsbelastungen und Einschränkungen im Alltag. Hinzu kommen Zweifel an internationalen Sportstrukturen, der Kommerzialisierung und dem tatsächlichen Nutzen für die Bevölkerung. Besonders bei einer Bewerbung für 2036 fordert die Stadtgesellschaft eine sichtbare Auseinandersetzung mit den Olympischen Spielen von 1936 und der nationalsozialistischen Geschichte.
Entscheidung über die Olympia-Bewerbung fällt im September
Berlin konkurriert im nationalen Auswahlverfahren mit München und KölnRheinRuhr. Die drei Bewerber reichten ihre finalen Konzepte Anfang Juni 2026 beim Deutschen Olympischen Sportbund ein. Hamburg zog seine Bewerbung nach dem negativen Ausgang des dortigen Referendums zurück.
Der DOSB und die olympischen Spitzenverbände prüfen die Konzepte über den Sommer. Eine außerordentliche DOSB-Mitgliederversammlung soll am 26. September 2026 in Baden-Baden entscheiden, welcher Standort Deutschland im internationalen Bewerbungsverfahren vertritt. Wann das Internationale Olympische Komitee die nächsten verfügbaren Sommerspiele vergibt, steht noch nicht fest. Auch Berlin hat daher bislang weder ein Austragungsjahr noch den internationalen Zuschlag sicher.
Quellen: Berliner Senatskanzlei, BERLIN+, Deutscher Olympischer Sportbund
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Ganz Japan ist ein Zero-Wast-Konzept. Da nimmt jeder seinen Waste in seinem Täschgen schön mit nach Hause.